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Aktions-Reaktions-Prinzip (Scene-Sequel nach Dwight Swain)

Die meisten von euch werden dieses Phänomen kennen. Ihr liegt abends im Bett und wollt eigentlich nur ein paar Seiten eures aktuellen Romans lesen … und plötzlich ist es fünf Uhr morgens, ihr bekommt kaum noch die Augen auf und der verdammte Wecker lässt auch nicht mehr lange auf sich warten.

Was sich für die arbeitende Bevölkerung zu einem regelrechten Fluch entwickeln kann, ist für jeden Schriftsteller ein großer Schritt in Richtung des Autoren-Olymps.
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Doch wie schafft man es, Bücher zu schreiben, die süchtig machen?

Eine Strategie hierfür liefert das Scene-Sequel-Prinzip von Dwight Swain[1].

Seine Kernaussage ist, dass die Szenen in einem guten Roman einem wiederkehrenden Rhythmus gehorchen – einem Pulsschlag, der sich beständig durch die gesamte Handlung zieht und den man sich als Autor zu Nutze machen kann, um die Leser zum Weiterlesen zu bewegen.

Dazu werden klassische Szenen in „Scenes“ und „Sequels“ unterteilt, zwei Arten von Szenenabfolgen, die unterschiedlichen Mustern folgen. Die direkte Übersetzung dieser Begriffe ist im Deutschen etwas problematisch, denn …

… „Sequels“ bestehen ebenso aus den uns bekannten Szenen wie „Scenes“ und

… „Scenes“ beschreiben in der Regel nicht eine einzige Szene, sondern oftmals eine Abfolge von ihnen, die dem übergeordneten Muster der „Scene“ folgen.

Damit der Kernbestandteil der Aussage bestehen bleibt, werde ich im Folgenden von Aktions- und Reaktionsphasen sprechen.

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Was ist nun eine Aktion, was eine Reaktion?

Eine Aktionsphase beinhaltet drei wichtige Punkte: das Ziel, den Konflikt und die Katastrophe.

  1. Das Ziel ist der Ausgangspunkt jeder aktiven Handlung. Ohne ein Ziel vor Augen ist euer Protagonist nur ein Blatt, das sich im Winde treiben lässt, er ist angewiesen auf die Handlungen anderer. Das macht ihn uninteressant.
  2. Der Konflikt ist das Herzstück jeder Aktion. Erreicht eurer Protagonist sein Ziel, ohne ein Hindernis überwinden zu müssen, wird das Ziel in den Augen des Lesers wertlos und der Weg dorthin langweilig. Je größer allerdings der Konflikt ist, desto mehr fiebert der Leser mit dem Charakter mit.
  3. Die Katastrophe ist das Ergebnis eures Konflikts. Der Protagonist hat versagt und steckt nun in einer gefährlichen Situation fest. An dieser Stelle ist der Anreiz für den Leser, die nächste Seite umzuschlagen, am größten. Er will wissen, wie es weitergeht, wie der Held sich aus der Situation befreit, und sich am Ende (hoffentlich) alles zum Guten wendet.

Natürlich sollt ihr nicht jedes kleine Teilziel eures Protagonisten mit einem Berg an Hindernissen verbarrikadieren. Auch ist es wenig hilfreich, den Helden an jeder Aufgabe scheitern zu lassen. Wichtig ist an dieser Stelle vielmehr, dass ihr mithilfe der richtigen Fallhöhe Spannung erzeugt.

Klein-Hänschen möchte einen Keks aus Oma Gertrudes Lieblingsdose stibitzen (ZIEL). Da die gute Trudi allerdings ein Problem mit diebischen Mäusen hat, hat sie mehrere Mausefallen versteckt (KONFLIKT). Hans greift nun in die Keksdose und klemmt sich die Finger in der Falle ein (KATASTROPHE). Dabei kann er entweder den Keks zu fassen bekommen oder aber er muss mit leerem Magen den Rückzug antreten und seine Wunden versorgen.

Obwohl es sich hier nur um eine alltägliche Szene handelt, wird durch den Konflikt mit den Mausefallen Spannung erzeugt. Eine deutlich größere Fallhöhe gibt es in folgendem Beispiel:

Ritter Ehrenfels will die Jungfrau Margaret aus den Klauen eines Feuerdrachen befreien (ZIEL). Natürlich wird dieser ihm das Mädchen nicht aus reiner Nächstenliebe überlassen, sondern stellt sich dem Ritter und seinem treuen Knappen Parzival in den Weg (KONFLIKT). Ritter Ehrenfels kommt in dem folgenden Kampf nur knapp mit dem Leben davon und muss die gute Margaret im Drachenhort zurücklassen (KATASTROPHE).
Eine Alternative zu dieser Katastrophe wäre folgendes Szenario: Der Ritter schafft es gerade noch, Margaret aus der Höhle zu zerren, der kleine Parzival jedoch fällt den Flammen des Drachen zum Opfer.

Auch das zweite Szenario ist eine Katastrophe, denn obwohl der Ritter sein eigentliches Ziel erreicht hat, muss er doch einen schweren Verlust hinnehmen. Und das ist für den Leser wesentlich spannender, als wenn der Ritter den Drachen einfach überlistet und ohne weitere Folgen mit der holden Maid und seinem Knappen in den Sonnenuntergang reitet.

Kommen wir nun zum zweiten Muster, der Reaktionsphase. Auch sie besteht aus drei grundlegenden Bausteinen: der Resignation, dem Dilemma und der Entscheidung.

  1. Die Katastrophe hat den Helden aus der Bahn geworfen, nun muss er seine (körperlichen und emotionalen) Wunden versorgen. Er befindet sich in der Phase der Resignation. Wenn ein Held einer Katastrophe mit völligem Gleichmut begegnet, reagiert der Leser mit Unverständnis, möglicherweise sogar mit Ablehnung. Ihr braucht an dieser Stelle keine ausufernden Trauerszenen einbauen, oftmals reicht auch ein kurzer Moment der Resignation und der Einkehr, ehe euer Protagonist sich wieder aufraffen kann.
  2. Das Dilemma ist der Gegenpart des Konflikts aus dem Aktionsteil. Nach der Katastrophe existiert kein einfacher Ausweg, jede Alternative klingt schlimmer als die Letzte. Der Leser fühlt an dieser Stelle mit und sieht bereits die Folgen voraus, die jede Entscheidungsmöglichkeit mit sich bringt. Er will wissen, wie es weitergeht.
  3. Die Entscheidung ist der Schlusspunkt jeder Reaktionsphase. Der Protagonist bricht aus seiner passiven Rolle aus, in die er durch die Katastrophe gedrängt wird, und beginnt, wieder aktiv in das Geschehen einzugreifen. Er hat ein neues Ziel vor Augen oder beschreitet einen neuen Weg, um an sein ursprüngliches Ziel zu gelangen. An dieser Stelle wird der Kreislauf geschlossen, der Protagonist befindet sich wieder in der Aktionsphase und kann den Leser durch neue Taten in den Bann ziehen.

Wichtig für die Reaktionsphase ist erneut die Fallhöhe. Ein dramatischer Verlust während der Katastrophe führt zu einer längeren Resignationsphase, der Held leidet (je nach Persönlichkeit) intensiver. In diesen Abschnitt fallen auch die klassischen Szenen, in denen die großen Helden sich an einen stillen Ort zurückziehen und an sich selbst verzweifeln. Das ist – anders, als es oftmals gesagt wird – kein Problem, wenn der Held zu weinerlich rüberkommt. Ist die Fallhöhe groß genug, darf der Held das. Der Leser wird es euch nur übel nehmen, wenn der Held von einer Mücke gestochen wird und danach drei Tage lang nicht aus dem Keller gekrochen kommt.

Betrachten wir wieder unsere Beispiele:

Klein-Hänschen hat sich nach seinem Angriff auf die Keksdose fies die Hand eingeklemmt. Unabhängig davon, ob er den Keks als Trost hat, zieht er sich in sein Baumhaus zurück und verdrückt vielleicht auch ein Tränchen (RESIGNATION). Nun steht er aber vor einem neuen Problem: Seine Hand tut ihm ziemlich weh und er muss sie dringend einem Erwachsenen zeigen, aber dann müsste er die Geschichte von dem Keksdiebstahl erzählen (DILEMMA). Weder die Oma noch seine Eltern werden sonderlich erfreut sein, aber Hänschen findet einen Ausweg: Er will der Oma ein Stück Schokolade aus seinem Süßigkeitenversteck bringen und sie so beschwichtigen (ENTSCHEIDUNG).

Hänschen hat ein neues Ziel. Je nachdem, ob die Geschichte weitergehen soll, könnt ihr ihm weitere Steine in den Weg legen und den Kreislauf von vorne beginnen lassen, oder aber die Geschichte zu einem guten Ende führen und die Oma seine Entschuldigung annehmen lassen.

Auch Ritter Ehrenfels durchläuft seine Reaktionsphase:

Nehmen wir an, dass er in der Katastrophe Margaret retten konnte, dafür aber seinen Knappen opfern musste. Natürlich trauert der Ritter um ihn, weil er für den Jungen verantwortlich war und sich nun die Schuld für seinen Tod gibt (RESIGNATION). Zudem steht er vor einem neuen Problem: Der Drache gibt sich nicht geschlagen und schickt sich an, das nächste Dorf dem Erdboden gleichzumachen. Der Ritter kann entweder mit seiner Herzensdame fliehen und die Dorfbevölkerung dem Zorn des Drachens überlassen, oder aber er stellt sich der Bestie und läuft Gefahr, selbst in den Flammen umzukommen (DILEMMA). Da er ein Ehrenmann ist und außerdem Rache für Parzival sucht, entscheidet er sich dafür, den Drachen zu töten (ENTSCHEIDUNG).

Auch Ritter Ehrenfels hat nun ein neues Ziel vor Augen, er wird wieder aktiv. In der Folge kann sich die Geschichte wieder in verschiedene Richtungen entwickeln. Er kann erneut scheitern oder den Drachen töten. Je nachdem, ob die Geschichte an dieser Stelle zu Ende sein soll, folgt ein weiterer Kreislauf aus Aktions- und Reaktionsphase, oder anstelle der gewöhnlichen Katastrophe der ultimative Sieg (Tod des Drachen) oder die ultimative Niederlage (Tod des Ritters).

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Was ist nun der Kern des Ganzen?

Natürlich ist auch das Aktions-Reaktions-Prinzip keine Malen-nach-Zahlen-Anleitung für einen guten und erfolgreichen Roman. Aber es kann eine gute Hilfestellung dabei sein, um die Spannungsbögen in seiner Handlung zu erarbeiten oder zu überprüfen, ob die Reaktionen eurer Protagonisten auf die Fallhöhen abgestimmt sind, die ihr ihnen in den Weg stellt.

Weder die Aktions- noch die Reaktionsphase ist in Stein gemeißelt und nicht jede Szene, die aus der Struktur herausfällt, muss schlecht sein oder gestrichen werden. Je nach Genre und Zielgruppe können sie wichtig, ja sogar notwendig sein. Entscheidend ist aber, dass ihr euch bewusst macht, wie diese Szenen den Puls eurer Geschichte verlangsamen und das Spannungsniveau verändern.

Denn dieses Gefühl für die Szenen ist es, das euch dabei helfen kann, tatsächliche Hänger in euren Manuskripten ausfindig zu machen und letzten Endes dafür zu sorgen, dass sich eure Leser tatsächlich die Nächte um die Ohren hauen.



[1] Mein Artikel bezieht sich auf den englischen Beitrag von Randy Ingermanson (http://www.advancedfictionwriting.com/articles/writing-the-perfect-scene/)

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