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Der Ton macht die Musik

Einmal saß ich bei meinen Eltern im Wohnzimmer (sie haben ein Haus da draußen, mit dunklem Wald und gemeingefährlichen Wildschweinen!) und zappte durch das Fernsehprogramm. Auf einem Sender wurde in krissligem Schwarz-Weiß eine Treppe gezeigt, die in einen Keller hinabführte. Die Kamera wackelte wie bei Blair Witch. Mein Puls schoss in die Höhe, ich um klammerte die Fernbedienung und drückte aus Versehen auf die Mute-Taste – der Ton ging wieder an (mein Vater schaltet den Ton nachts stumm und benutzt die Kopfhörer, um meine Mutter nicht zu stören).

Fiedelmusik. Lustige Fiedelmusik. Es war eine Reportage über Weine, und sie zeigten den Keller, wo die Flaschen sorgfältig in den Regalen gelagert waren. Und ich lachte darüber, dass ich so ein Angsthase war … bis die Haustür aufsprang.

So wie im Film die Musik das Atmosphäre beeinflusst, könnt ihr in euren Texten allein mit dem Klang und dem dazugehörigen Gefühl der Worte, der Satzmelodie und dem Rhythmus spielen und bestimmte Assoziationen erwecken.

Beispiel für Klang und Assoziation

Was empfindet ihr bei dem Wort Laubwerk? Was empfindet ihr bei Belaubung und was bei Blätterdach? Wie wirkt Blätterschmuck oder sogar Baldachin des Waldes auf euch? Welchen Unterschied macht es, wenn ihr durch den dunklen Wald oder durch den finsteren Tann lauft? Durch das Gehölz oder durch den Hain?

Wie klingt Geschirr, das klappert, und wie klingt Geschirr, das klirrt? Man kann mit den Zähnen knirschen, mahlen und auch malmen. Man kann ein Messer fest in der Hand halten, es umgreifen, umklammern oder sich daran festkrallen. Und wo wir bei Krallen sind: Besitzt die Dame spitz manikürte Fingernägel oder scharfe Klauen? Brennt sich das Bild ihrer Fingernägel in eure Seele oder ätzt es sich in euer Hirn?

Beispiel für Satzmelodie

Sie rannte mit klackernden Absätzen über die Kopfsteinpflaster der dunklen Gassen, der offene Mantel im nächtlichen Wind flatternd.

Ihre Absätze klackerten auf den Kopfsteinpflastern, während die durch die Gassen rannte; und ihr offener Mantel flatterte im Wind der Nacht.

Nachts. Sie rannte. Sie rannte durch die Gassen. Sie rannte durch die Gassen, und ihre Absätze klackerten auf den Kopfsteinpflastern, ihr offener Mantel flatterte im Wind.

Das erste Beispiel besteht auf einem Satz. Dadurch dass der Satz so vollgestopft ist, muss man besonders darauf achten, dass er ausbalanciert ist. Lest den Satz mal ohne die Adjektive „dunkel“ und „flatternd“, wie fühlt sich der Satz an?

Beim zweiten Beispiel wurden die Partizipien „klackernd“ und „flatternd“ zu Verben gemacht. Dadurch entstehen mehr Nebensätze, was wiederum für Trennung und Ordnung sorgt. Dass sich Ordnung und Poetizität nicht widersprechen, kann man an „Wind der Nacht“ erkennen. Man kann auch schönschwurblig schreiben, ohne umständlich langatmig zu werden.

Im letzten Beispiel wurden die Bestandteile zerhackt und einzeln, aber dafür mehrmals serviert. Wie würdet ihr einen solchen Text vorlesen?

Tipp:

Fragt eure Testleser mal, was für ein Bild sie durch den Klang der Worte und den Rhythmus der Sätze haben. Ist es die Atmosphäre, die ihr im Kopf habt?

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