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Die Beziehung zu den Mitmenschen

Bei der letzten Bootcamp-Übung haben euch Ankh und Drillsergeant Käsefuß verschiedene Arten gezeigt, um dem Leser das Aussehen der Perspektivfigur näherzubringen. Diesmal sehen wir uns ihre Mitmenschen an.

Da der Blick des Protagonisten dann nicht auf sich selbst, sondern nach außen auf seine Umwelt gerichtet ist, stehen uns etliche Möglichkeiten offen. Wir können Beschreibungen, die bei dem Bootcamp „Die äußeren Merkmale der Perspektivfigur“ mit Vorsicht einzusetzen gelten, freier benutzen. Zudem können wir mit der Sprache spielen und den 68-jährigen Mann als älteren Herrn bezeichnen, wir können ihn auch liebevoll Opi nennen, obwohl wir nicht mit ihm verwandt sind; wir können ihn als verbissene Faltenfresse beschimpfen. Das sagt nicht nur etwas über die Nebenfigur aus, sondern auch über die Einstellung unseres Protagonisten und dessen Beziehung zu diesem Opi. Und das ist das heutige Thema.

Erschaffe ein äußeres Bild der Perspektivfigur,
indem du dem Leser zeigst, wie sie ihre Mitmenschen wahrnimmt
und mit ihnen umgeht.

In den Köpfen der Leser sind eine Menge Stereotypen verankert, und diese können wir nutzen. In dem Impuls „Sag mir wie du aussiehst, und ich sage dir, wer du bist“ haben wir den Leser die Charaktereigenschaften unseres Protagonisten erahnen lassen, indem wir ihm ein äußeres Bild gegeben haben.

Wie würdet ihr das Mädchen mit dem Plastikfuß in der Sandale charakterisieren? Und wie würdet ihr es charakterisieren, wenn es kein kurzes Sommerkleid trüge, sondern trotz 30 °C Jeans und dicke Turnschuhe?

Man kann noch einen Schritt weitergehen.

Weltatlas hat ein Experiment gewagt und in seinem Roman das Äußere seiner Figur nicht benannt. Dennoch hatten die Testleser unabhängig voneinander ein gleiches Bild vor Augen. In dem Impuls „Starke Figurenrede“ haben wir die Figuren ebenfalls sehen können, obwohl wir nur die direkte Rede ohne die Namen der Figuren, ohne Inquit-Formeln und ohne Erzähltext gelesen haben.

Warum funktioniert es?

Die einzelnen Faktoren,

  • die Sprache und der Wortschatz der Perspektivfigur,
  • die Wahrnehmung und Beschreibung seiner Umwelt und
  • die Beziehung zwischen der Perspektivfigur und seinen Mitmenschen,

sind miteinander und mit den äußeren Merkmalen der Figur verknüpft. Zusammen geben sie ein lebendiges Bild.

Je nach Geschmack könnt ihr die Figur detailreich beschreiben oder dem Leser nur wenige Merkmale geben, damit dieser sich ein eigenes Bild zusammenbauen kann. So wie man mit zwei Seiten und einem Winkel das gesamte Dreieck berechnen kann, braucht man dem Leser auch nicht alle Details zu geben, sodass er die Figur erkennen kann. Ihr müsst nur darauf achten, welchen Winkel ihr dem Leser vorgebt. Die Haarfarbe allein sagt noch nichts über den Charakter aus. Blond kann alles bedeuten, doch tot blondiert und mit sichtbaren Schweißstellen der Extensions gibt uns eine klarere Richtung.

Die stärkste Beschreibung entsteht aber dadurch, wie der Protagonist interagiert. Er sieht seine Mitmenschen auch ohne Spiegeltrick; er muss seine Sprache benutzen, um mit diesen zu kommunizieren; er verrät durch seine Einstellung und seine Handlungen, wie er zu seinen Mitmenschen steht. Jupp, das ist schon wieder „Show don’t tell“.

Sehen wir uns ein Beispiel an.

Die Mutter steht spontan vor der Tür. Was macht der Protagonist?

  1. Ihr trotz seiner 35 Jahre mit einem freudigen Mamaaaaa in die Arme springen.
  2. Schnell wieder die Tür zu knallen und hastig das Ärgste aufräumen.
  3. Den Porno lauter drehen und hoffen, dass die Mutter von alleine wieder verschwindet.

Umsetzung:

Eine Frau mit Frühlingsmantel und teurer Tasche steht vor der Tür.

Max öffnet verschlafen die Tür. Signalrote Lippen grinsen ihn an, und er knallt die Tür wieder zu. Doch seine Mutter klemmt ihre Louis Vuitton dazwischen. Scheiße. Sie scheint ihn wirklich dringend sehen wollen, wenn die dir Designer-Handtäschchen so misshandelt.

Hast du dir eigentlich Max’ Mutter eher blond oder braunhaarig vorgestellt? Eher dick oder dünn?

Übung:

Beschreibe den ersten Auftritt einer Nebenfigur durch die Augen deines Protagonisten und arbeite mit dem Feedback der anderen User.

Was für ein Bild haben die anderen von deinen Figuren? Wenn du z. B. „rote Fingernägel“ oder „fesche Bob-Frisur“ nennst, haben die Leser die Charaktereigenschaft vor Augen, die du für deine Figur vorgesehen hast?

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