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Sexy oder sexistisch?

Die Wortkompass-Mittwochsfrage spricht ein Thema an, mit dem ich mich immer wieder – und nicht immer freiwillig – befasse: Sexismus. Diesmal geht es jedoch nicht um Sexismus im Literaturbetrieb, sondern um sexistische Romaninhalte.

Ich bin pro sexy, anti sexistisch. Hinsichtlich aller Lebensbereiche, hinsichtlich aller Geschlechter. Die Grenze zwischen sexy und sexistisch ist manchmal dünn und unsichtbar, der Unterschied für mich erheblich.

Eine Kampagne von Pinkstinks macht es deutlich. Auf dem Poster sieht man zweimal das Bild von einer Frau auf einem Sessel, jedoch mit unterschiedlichem Titel und dadurch unterschiedlicher Aussage. Bei sexy präsentiert sich die Person sexy. Sie (die Person) entscheidet; sie lebt es aus. Bei sexistisch wird sie für etwas anderes benutzt, objektifiziert, als Deko missbraucht.

So sehe ich es auch bei Literatur.
Ich stehe auf sexy Literatur. Sex ist eine schöne Sache. Ich lese gern erotische Geschichten, wenn sie nicht sexistisch sind. Leider habe ich die letzten Jahren eine Menge Neuerscheinungen in diesem Genre in die Ecke gepfeffert, weil mit Männern und Frauen gleichermaßen abwertend umgegangen wird. Das Schlimme daran: Es wird als romantisch, süß, erotisch verkauft. #NotOkay

Man könnte behaupten, dass es künstlerische Freiheit oder Eskapismus wäre, Bevormundung, Objektifizierung, Übergrifflichkeiten, Abwertung und Stalking zu romantisieren. Ich sehe es aber nicht so. Für mich gibt es einen Unterschied, ob sie sich zwei – in diesem Falle Autor und Leser! – übereinkommen, dass sie eine Rapeplay-Fantasie schreiben/lesen, oder ob es z. B. ein Thriller mit Liebe und Erotik ist.

Beim Küssen gegen die Wand drücken? Klingt doch nicht verwerflich. Allerdings gibt es auch Szenen vor und nach dem Kuss. Es geht um wer, wie, weshalb und mit welchem Resultat. Ja, die Motivation der Figuren ist ganz wichtig. Ansonsten ist es kein erotisches Spiel bzw. kein Sexismus, den die Romanfiguren erleben/ausleben, sondern Sexismus als Ton, als Atmosphäre des Romans.

Es geht aber auch um die Darstellung der Figuren. Männer müssen in bestimmten Genres animalisch und dominant sein und der Frau an den Haaren ziehen, damit sie als potentieller Partner infrage kommen. Bei den Frauen gibt es ähnliche Erwartungen, aber mittlerweise gestattet man den Protagonistinnen, etwas weniger hübsch zu sein. Etwas zu große Nase, etwas zu kleine Brüste, ein Bauch, der beim Sitze auch leichte Falten hat … Nun gut, es ist nicht verwerflich, über schöne Menschen zu schreiben. Ich mag es auch, hübschen Mensch anzugucken und über hübsche Menschen zu lesen – so wie Heidi Klum das Beste für ihre Mädchen will.

Schade, dass die Nebenfiguren abgewertet werden müssen, damit die Hauptfiguren noch toller glänzen. Klar, hat man auch Figuren mit Fehlern und deutlichen optischen Macken (Narbe einer Schussverletzung aus einem heldenhaften Kampf gilt nicht), aber wer zu starke Fehler hat – oder zu schön ist –, darf nur eine Statistenrolle spielen. Die Damen an der Rezeption haben immer lange billige Kunstnägel und billige Blondierungen/Extensions, die besten Kumpels oder Verkäufer dürfen auch mal dick und etwas weniger intelligent sein. Und die Exfreundinnen des männlichen Love Interests … *seufz* Ja, die Exfreundinnen der Mannes sind allesamt blond und vollbusig, vor allem haben sie fast nie einen Namen, sondern sind nur da, damit der Mann sich ausleben kann, ohne dass die Liebe, die nur der Protagonistin gilt, verschwendet wird. Da es schwierig ist, wirklich gute Liebesszenen zu schreiben, bei denen man merkt, wie wichtig die Hauptfiguren einander sind, werden stattdessen alle vorherigen Liebschaften degradiert. Der Wert der Protagonistin wird erhoben, indem die anderen Frauen im Roman abgewertet werden. Holla.

Ich will keine sexy Poster von den Wänden abreißen, ich will keine erotischen Szenen aus Romanen streichen. Doch ich wünsche mir, dass in Romance, Chick-Lit, Erotic Thrill/Fantasy/Sci-Fi/… die Figuren an sich schön sind. Weil sie schöne Menschen mit schönen Seelen sind. Und nicht, dass ihre angebliche Schönheit erst durch die Abwertung anderer Figuren zur Geltung kommt.

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