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Vickie analysiert ihre Dialoge

Ich habe ja versprochen, dass ich meine Arbeitsweisen vorstellen. Voilà, hier ist ein Beitrag über die Analyse bei Dialogen. Es geht hierbei um

das Verhältnis zwischen wörtlicher Rede, Handlung und Information.

Heute nehme ich einen Text von meiner lieben P., die eine spontane Idee mit Figuren aus ihrem und meinen Roman hatte. Ich bin ganz froh, dass sie den Text notiert hat. Denn ich bin eine Person, die unterwegs gern auf die Diktiergerät-App spricht, und das klänge dann so: „Als ich das letzte Mal einen Schwanzvergleich gemacht habe …“

Dylan und Kay standen mit den anderen Jungs unter der Dusche.
»Ey ich schwör dir, der ist länger!«, behauptete Dylan.
»Hör doch auf mit dem Quatsch!«, meinte Kay. »Ist doch scheißegal.«
Dylan schaumierte sich die Haare. »Du bist doch nur neidisch, weil meiner länger ist als deiner.«
Kay schrubbte sich den Bauch. »Ach wirklich? Denkst du?«
»Das ist offensichtlich, Kay. Schau doch mal genau hin!«
»Jungs, muss das sein?« Eugene verdrehte die Augen. »Das ist lächerlich.«
»Gene, halt die Klappe! Das hier ist eine ernste Angelegenheit!«, gab Dylan zurück.
»Als ich das letzte Mal einen Schwanzvergleich gemacht habe, war ich fünfzehn Jahre alt.« Eugene schüttelte den Kopf. »Ihr seid doch aus dem Alter raus …«
»Stimmt, einen Schwanzvergleich brauchen wir nicht.« Dylan grinste unheilvoll. »Da würde man eh nur sehen, dass ich den Längeren habe.«
Kay packte Eugene an der Schulter und sah ihn entschlossen an. »Eugene, du weißt was zu tun ist.«
Eugene seufzte total genervt und tigerte im Handtuch los.

Der Dialog mag zwar spannend sein, aber der gesamte Text ist trotzdem nicht gut. Um herauszufinden, woran es hakt, trenne ich die Dialoge aus der Handlung heraus. (Klickt auf Dialoge oder Handlung, um diese einzeln anzeigen zu lassen.)

DialogHandlungHandlung als Fließtext
»Ey ich schwör dir, der ist länger!«
»Hör doch auf mit dem Quatsch! Ist doch scheißegal.«
»Du bist doch nur neidisch, weil meiner länger ist als deiner.«
»Ach wirklich? Denkst du?«
»Das ist offensichtlich, Kay. Schau doch mal genau hin!«
»Jungs, muss das sein? Das ist lächerlich.«
»Eugene, halt die Klappe! Das hier ist eine ernste Angelegenheit«
»Als ich das letzte Mal einen Schwanzvergleich gemacht habe, war ich fünfzehn Jahre alt. Ihr seid doch aus dem Alter raus …«
»Stimmt, einen Schwanzvergleich brauchen wir nicht. Da würde man eh nur sehen, dass ich den Längeren habe.«
»Eugene, du weißt was zu tun ist.«
Dylan und Kay standen mit den anderen Jungs unter der Dusche.
, behauptete Dylan.
, meinte Kay.

Dylan schaumierte sich die Haare.
Kay schrubbte sich den Bauch.
Eugene verdrehte die Augen.
, gab Dylan zurück.
Eugene schüttelte den Kopf.
Dylan grinste unheilvoll.
Kay packte Eugene an der Schulter und sah ihn entschlossen an.
Eugene seufzte total genervt und tigerte im Handtuch los.
Dylan schaumierte sich die Haare. Kay schrubbte sich den Bauch. Eugene verdrehte die Augen. Dylan gab zurück. Eugene schüttelte den Kopf. Dylan grinste unheilvoll. Eugene seufzte total genervt. Damit habe ich Augen verdrehen, Kopf schütteln und grinsen abgedeckt. Fehlt nur noch, dass jemand die Augenbrauen hebt und mit den Achseln zuckt, dann hätte ich die Liste beisammen.

 

 Dialog
  • Ist die wörtliche Rede lebensnah und natürlich? Erkennt man die Emotionen, ohne den beschreibenden Text dazu zu lesen? Der Autor sollte nicht die Figur missbrauchen, um Informationen unterzujubeln. Der Leser spürt, ob die Figur selbst spricht oder ob sie eine Marionette des Autors ist.
  • Erkennt man anhand des Gesagten, wer spricht? Jeder Mensch hat sein eigenes Vokabular und seine eigene Art zu sprechen. Haltet jedoch sprachliche Macken in Grenzen!

Handlung

  • Lässt sich die Handlung ohne wörtliche Rede flüssig lesen?
  • Erkennt man die Perspektivfigur, also aus welcher Sicht die Szene geschrieben ist? Dies sollte in den ersten Sätzen deutliche werden.
  • Bestehen sie aus Inquit-Formeln (er sagte, er meinte, er fragte, …) oder irrelevante Handlungen? Beliebt sind Mimiken und Gesten wie breit grinsen, leicht grinsen, fies grinsen oder genervt anschauen, grinsend anschauen oder überheblich anschauen, oder auch Augen verdrehen und rollen, Kopf schütteln oder seufzen. Streicht die Klischees und gebt euren Figuren eine individuelle Handlung! (Siehe nächsten Punkt.)
  • Sind die Handlungen in die Szene eingebunden? Interagieren die Figuren mit der Umgebung?
  • Sind es Informationen, die die Figuren charakterisieren oder den Plot vorantreiben? Wenn diese Informationen nicht gegeben sind, ist die Szene nicht für den Plot relevant und sollte gestrichen werden

Analyse einer dialoglastigen Szene

Wer es farbig mag, holt jetzt die Marker raus!

Diese Art der Bearbeitung ist ganz praktisch, wenn einem partout keine kreative Idee (böse Zungen sagen Schreibblockade dazu) kommt. Reines Handwerk geht nämlich immer.

Rot – Inquits oder irrelevante Handlungen
Gelb – Handlungen in der Szene
Grün – Informationen, die die Charaktere beschreiben oder den Plot vorantreiben.

  • Lest nur die rot markierten Sätze. Sind sie wirklich notwendig? Können sie ersetzt werden, sodass sie zur Szene oder zum Plot beitragen? (rot → gelb, rot → grün)
  • Lest nur die gelb markierten Sätze. Ergeben sie einen angenehm lesbaren Text oder stolpert man beim Lesen? Erkennt man die Perspektivfigur?
  • Sind die grün markierten Sätze geschickt in die Handlung eingebaut oder als Infodump starr aufgelistet?
Wir widmen uns wieder der Duschszene und markieren fröhlich den Erzähltext.

Dylan und Kay standen mit den anderen Jungs unter der Dusche. »Ey, ich schwör dir, der ist länger!«, behauptete Dylan.
»Hör doch auf mit dem Quatsch!«, meinte Kay. »Ist doch scheißegal.«Dylan schaumierte sich die Haare. »Du bist doch nur neidisch, weil meiner länger ist als deiner.«
Kay schrubbte sich den Bauch»Ach wirklich? Denkst du?«
»Das ist offensichtlich, Kay. Schau doch mal genau hin!«
»Jungs, muss das sein?« Eugene verdrehte die Augen»Das ist lächerlich.«
»Gene, halt die Klappe! Das hier ist eine ernste Angelegenheit!«, gab Dylan zurück.
»Als ich das letzte Mal einen Schwanzvergleich gemacht habe, war ich fünfzehn Jahre alt.« Eugene schüttelte den Kopf. »Ihr seid doch aus dem Alter raus …«
»Stimmt, einen Schwanzvergleich brauchen wir nicht.« Dylan grinste unheilvoll. »Da würde man eh nur sehen, dass ich den Längeren habe.«Kay packte Eugene an der Schulter und sah ihn entschlossen an. »Eugene, du weißt was zu tun ist.«
Eugene seufzte total genervt und tigerte im Handtuch los.

Sofort wird deutlich, dass diese Szene überhaupt nicht plotrelevant ist – natürlich, sie ist ja auch nur ein Fanfiction-Crossover-Szene. Darüber hinaus erkennen wir, dass sie typischen Gesten überhandnehmen. Wir wollen aber keinen Text, den jeder beliebige Schreiber für unsere Geschichte verfassen könnte, ohne die Charaktere und ohne den Plot zu kennen.

→ Geschwafel mit charaktertypischen, plotrelevanten Handlungen ersetzen. Persönlichen Stil einbringen.

Kay begab sich in die Gemeinschaftsdusche, als aus dem Dampf ein nackter Mann auf ihn zutrat. Dieses unverschämte Narbengesicht erkannte er selbst im Halbschlaf. »Hallo Dylan.«

Der Schwarzhaarige grüßte zurück und stellte seine Shampooflasche auf die Ablage, die Kay benutzen wollte. »Ey, ich schwör dir, der ist länger!«

»Hör auf mit dem Quatsch!« Energisch stieß Kay mit seinem Duschgel das fremde Shampoo zu Boden. »Ist doch scheißegal.«

Dylan gab vor, die Flasche aufzuheben, aber bückte sich, um seinen haarigen Hintern zu präsentieren. Danach benässte er seine Haare und schäumte sie sich ein. »Du bist doch nur neidisch, weil meiner länger ist.«

Den Bauch schrubbend, konzentrierte sich Kay darauf, sein Gegenüber zu ignorieren – ohne Erfolg.

»Schau doch mal genau hin!«, verlangte Dylan und präsentierte sein bestes Stück.

In diesem Moment lief Eugene an ihnen vorbei und musterte die beiden mit hochgezogenen Augenbrauen. »Jungs, muss das sein? Das ist lächerlich.«

»Eugene, das ist eine ernste Angelegenheit!« Dylan hielt den dritten Mann am Arm fest und hinderte ihn, in Ruhe duschen zu können. Mit dem Kinn wies er auf Kays Genital und forderte Eugene wortlos auf, ein Urteil zu sprechen.

»Als ich das letzte Mal einen Schwanzvergleich gemacht habe, war ich fünfzehn.« Eugene riss sich los.

»Stimmt, einen Schwanzvergleich brauchen wir nicht.« Dylan grinste unheilvoll. »Da würde man eh nur sehen, dass ich den Längeren habe.«

Das warme Wasser über Kay versiegte. Er schlug mit der Faust gegen den Knopf, wobei er sich Dylans Fresse vorstellte. Dieser Typ nutzte jede freie Minute, um sich mit Kay zu vergleichen und vergaß dabei, dass Kay sein Vorgesetzter war. Am schlimmsten war aber, dass Dylan immer wieder versuchte, vor den anderen Männern Kays Autorität zu untergraben. Erneut hämmerte er auf den Knopf, obwohl das Wasser noch lief. Dylan, dieser Mistkerl, würde noch bereuen, sich mit ihm anlegen zu wollen.

Bevor Eugene sich verdrücken konnte, hielt Kay ihn an der Schulter fest und sah ihn entschlossen an. »Du weißt was zu tun ist.«

Wie sehen eure Texte aus? Wie geht ihr eure Dialoge an? Welche Bearbeitungsschritte habt ihr? Was fällt euch schwer und worauf seid ihr stolz? Habt ihr viel Dialog oder viel Handlung? Schleichen sich viele bedeutungslose Inquits oder wiederholende Handlungen ein (rot)?

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