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Wie lang ist ein Roman?

Rote Erde staubt auf, während Weltatlas mit dem Land Rover durch die Savanne brettert. Neben ihm auf dem Beifahrersitz Vickie, in Safari-Outfit samt Fernglas und Schmetterlingsnetz.

»Ein Jaguar!«, brüllt sie.

Weltatlas schiebt seine Augenbrauen zusammen, um schärfer sehen zu können. Tatsache. Zwischen den Büschen liegt eine Raubkatze. Strohfarben wie das piksige Gestrüpp um sie herum und mit langer dunkler Mähne; die blutige Schnauze in einen Zebrakadaver gewühlt.

»Das ist ein Löwe.«

»Nein, nein!« Schon ist Vickies Zeigefinger erhoben. »Die Kopfrumpflänge beträgt niemals über 150 cm. Und guck dir den Schwanz an!«

»Ähm …«

»Mit so einem kurzen Schwanz muss es ein Jaguar sein.«

»Und sein Kumpel daneben?«

»Das ist ein Tiger.«

Meint sie das ernst? Weltatlas tritt auf die Bremse und der Geländewagen hält mit einem Ruck an. Mit einer Interjektion der Überraschung knallt Vickie nach vorn, bevor sie vom Sicherheitsgurt (!) zurückgerissen wird. Sie schiebt sich den verrutschten Safari-Hut zurück, will etwas anmerken, als er zu fragen beginnt.

»Was hast du mir letztens eigentlich geantwortet, als ich fragte, ob meine Geschichte mit 18.000 Wörtern noch eine Kurzgeschichte oder schon eine Novelle ist?«

Anscheinend hat er einen Trigger gefunden, denn ihr Zeigefinger schnellt wieder hoch. »Man hört es oft: Wie viele Wörter hat ein Roman und wie viele Wörter hat eine Kurzgeschichte? Aber die Textgattung hat nichts mit dem Wordcount zu tun. Zwar hat die amerikanische Organisation ›Science Fiction and Fantasy Writers of America‹ mit ihrem Nebula-Award Richtlinien aufgestellt, die überall zitiert werden – was ganz gut ist –, doch kommt es auf die Spezifika an, um einen Text zu bestimmen, weniger auf die Zahlen.«

»Aber den Löwen bestimmst du anhand seiner Schwanzlänge?«

Ihre Augen verengen sich zu Schlitzen und das Atmen scheint ihr schwerzufallen. »Fahr weiter … und grins nicht so.«

Zu den Raubtieren gehören die Hundeartigen und die Katzenartigen.
Die Textgattungen unterteilt man in nicht fiktionale und fiktionale Texte. Die fiktionalen Texte unterteilt man wiederum die drei Gattungen Dramatik, Lyrik und Epik.

Da die meisten von uns Texte aus der epischen Gattung schreiben (das hat nichts mit epic fails bei Recherchefehlern oder Plotlücken zu tun, „episch“ bedeutet nichts anderes, als dass etwas „erzählt“ wird) –, sehen wir uns die häufigsten epischen Textsorten an: Romane, Novellen und Kurzgeschichten. Und das Lesedrama.

Die einfachste Unterscheidung ist tatsächlich die Textlänge. Kurzgeschichten kann man in einem Rutsch lesen; bei Novellen geht das auch noch. Um einen Roman an einem Tag zu lesen, muss man sich schon ziemlich ranhalten.

Ich werfe mal ein paar Zahlen in den Raum, die mehr als Richtwerte denn als Regeln dienen. Denn eine Geschichte hat so viele Wörter, wie man benötigt, um sie zu Ende zu erzählen. Wenn euer Roman megalang wird, dann ist es eben so.

Roman > 50.000 Wörter
Erzählung / Kurzroman 20.000–50.000 Wörter
Novelle 20.000–50.000 Wörter
Kurzgeschichte 1.000–20.000 Wörter
Kürzestgeschichte 100–1.000 Wörter
Bierdeckelgeschichte 140 Wörter

Falls ihr euch Sorgen macht, ob euer Roman zu lang wird: Tolstois Krieg und Frieden hat 587.287 Wörter. Romains‘ Les Hommes de bonne volonté hat sogar 2.070.000 Wörter. Schreibt so, wie es für euch und eure Geschichte gut[1] ist, und nicht mit dem Hintergedanken, dass ihr den Regenwald oder Lektoren[2] schonen oder Reich-Ranicki[3] gefallen wollt.

Wichtiger als die Länge ist der Inhalt eures Stoffes. Eine kurze Novelle und eine lange Kurzgeschichte können die gleiche Anzahl an Wörtern haben, doch die Struktur ist völlig anders. Die typische Akt-Struktur funktionier nicht bei einer Kurzgeschichte.

Worin unterscheiden sich Roman, Novelle und Kurzgeschichte?

Roman

Ein Roman ist eine komplexe Erzählung, die aus Sinnabschnitten besteht (Teile, Kapitel, Szenen). Er kann mehrere Erzählstränge besitzen, jeder Erzählstrang besitzt die Dramaturgie einer Akt-Struktur. Die Charakterentwicklung ist ausgearbeitet. Die erzählte Zeit (wie viel Zeit im Roman vergeht) erstreckt sich über einen größeren Zeitraum.

 

Lesedrama.

Ein Drama zeichnet sich dadurch aus, dass die Handlung durch Dialoge dargestellt wird. Regieanweisungen wie die Beschreibung des Schauplatzes oder der Auf- und Abgang der Schauspieler werden als Nebentext eingefügt.

Ein Lesedrama ist eine Mischung aus Roman und Theaterstück. Es ist von der Form her zwar wie ein Drama aufgebaut, soll aber nicht aufgeführt, sondern als Buch gelesen werden. Da man nicht auf die Umsetzbarkeit auf der Bühne achten muss, hat man viel mehr Spielraum.

 

Novelle

Die Novelle kann im Gegensatz zum Roman in einem Rutsch durchgelesen werden, da sie nur einen Erzählstrang besitzt – wobei dieser wie im Roman ebenfalls im Drei-Akt-Schema aufgebaut ist. Der Inhalt dreht sich um einen Konflikt, um einen Skandal. Die Handlung erfolgt Schlag auf Schlag. Die Figuren entwickeln sich kaum, auch ihr Innenleben wird selten erläutert, sondern von außen durch die Figurenrede dargestellt. Es gibt auch keine Rückblenden oder andere Stilmittel für Erklärungen.

Die Novelle ist nicht so beliebt, da sie strenge Regeln befolgt und mit Leitmotiven und Symbolen gespickt ist. Auch die Themenauswahl ist begrenzt, da sie realitätsnah – und nicht phantastisch – Probleme der Gesellschaft behandelt. Perfekter Stoff für Schullektüre.

 

Erzählung

Eine Erzählung ähnelt von der Länge und Komplexität her einer Novelle. Sie besitzt oft nur einen Hauptstrang, und die Figuren erfahren ebenfalls keine große Entwicklung. Doch im Gegensatz zur Novelle ist sie nicht so strengen Regeln unterworfen. Es muss sich nicht um einen gesellschaftlichen Skandal handeln und es müssen auch kein Leitmotiv und keine Dingsymbole auftauchen.

Da der Begriff „Erzählung“ nicht eindeutig ist (sowohl alle Textsorten, in denen eine Geschichte erzählt wird, also auch Plotstränge nennt man „Erzählung“) und zudem furchtbar unsexy nach Schullektüre klingt, gibt es auch den Begriff „Kurzroman“.

 

Kurzgeschichte

Die Kurzgeschichte besitzt ebenfalls nur einen Erzählstrang, bei der ein Ereignis im Mittelpunkt steht. Die Handlung erstreckt sich über einen sehr kurzen Zeitraum. Es gibt nur wenige Figuren, und diese entwickeln  sich innerhalb der Geschichte (noch) nicht. Im Gegensatz zur Novelle gibt es innere Monologe, die die Gefühlswelt der Figur darlegen.

Das Besondere an einer Kurzgeschichte ist, dass der Leser direkt in die Handlung geworfen wird. Man könnte den Einstieg in eine Kurzgeschichte mit dem Plot Turn oder dem inciting incident eines Romans vergleichen, bei dem die Figur aus ihrem Alltag herausgerissen wird und zu einer Entscheidung gezwungen wird.  Die Kurzgeschichte endet offen und mit einer Pointe, die dem Leser einen Denkanstoß gibt.

 


ZWEITE SZENE

Abends am Lagerfeuer.

Weltatlas erhitzt Öl in einem Topf und dünstet Gemüse und Reis an, während Vickie Marshmallows auf einem dünnen Stock aufspießt und sie über das Feuer hält.

 

WELTATLAS. Eigentlich ist es unnötig, dass wir in diesem Artikel noch mal auftauchen, oder?

VICKIE. Och … ich mag es, mich selbst reden zu hören. Außerdem wollte ich noch ein Beispiel für ein Lesedrama zu geben, nachdem ich es erwähnt habe.

WELTATLAS. Das war ebenfalls unnötig, oder?

VICKIE (dreht den Stock, um nicht die Augen zu verdrehen). Hinsichtlich der Textgattungen schon. Aber ich denke, dass die Wortkompass-User darauf kommen, weshalb ich es dennoch angebracht hab …

WELTATLAS. Also spielt die Länge doch eine Rolle?

VICKIE. Willst du ein Marshmallow?

WELTATLAS. Wenn’s nach Fleisch schmeckt.

(Vickie isst das verschmähte Marshmallow und beobachtet wie Weltatlas Brühe in den Topf gießt und umrührt. Es herrscht einen Moment Schweigen.)

WELTATLAS. Worauf sollen die User jetzt kommen?

VICKIE (schnaubt). Dass die Technik ebenfalls wichtig ist! (Stockt.) Äh, Inhalt, meinte ich. Der Inhalt ist wichtig.

WELTATLAS. Jab, der Inhalt.

VICKIE. Der Inhalt.

WELTATLAS. Inhalt.

VICKIE (nach einer Pause). Und dass wir in vier Wochen unseren Geburtstag feiern. Uh. Jetzt ist es raus!

WELTATLAS. Vier Wochen, um für ein Lesedrama zu üben? Dann sollen sie sich mal ranhalten.

VICKIE. Vier Wochen, um ein Geburtstagsständchen zu üben? Dann solltest du dich mal ranhalten. (Grinst, holt die Gitarre raus und fängt ohne zu stimmen an zu schrummen.)

WELTATLAS. Äh.

Ein Chor aus Löwen, Tigern und Jaguaren erscheint am Horizont.

CHOR. Naaaaan ts’ngonyaaaaa ma bakithi babaaaaaa…

VICKIE (zeigt zum Horizont). Siehst du das auch, oder hab ich heute zu viel Sonne abbekommen?

WELTATLAS (reicht ihr ein Bier). Sonne. Definitiv. (Stoßen an.) Prost.

VICKIE. Prost.


[1] Jedes Reiskorn zu beschreiben, der in China aus einem Jutesack gefallen ist, ist eher nicht so gut.
[2] Falls ihr bei einem Verlag veröffentlichen wollt, seid euch bewusst, dass nicht jeder Lektor Lust hat, sich durch einen 5 kg schweren Papierstapel zu arbeiten, auch wenn eure Story Potenzial hat.
[3] Marcel Reich-Ranicki sagte in der Literatursendung Das Literarische Quartett, jeder Roman, der mehr als 500 Seiten umfasse, sei schlecht.

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