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Wie schnell schreibst du?

Ich gehöre zu den Langsamschreibern. Ich plotte erst mal ein halbes Jahr, recherchiere ein weiteres halbes Jahr, bis ich mir sicher bin, dass selbst die sprachlichen Stilmittel stimmig sind. (Natürlich gucke ich mir Tierdokumentationen von Mäusen an, wenn ich von „untergehenden Männern und Mäusen“ schreibe. Ich will doch keinen Fehler machen!) Ich plane die Szenen auf Papier, fühle mich in die Atmosphäre ein, spiele die Handlungen im Kopf durch. Wenn ich weiß, dass es das sein soll, verschriftliche ich die Szene.

Ich bin zufrieden mit meinem Ergebnis, mit dem Tempo etwas weniger. Ich will Geschichten erzählen, ich will gelesen werden. Aber wenn ich so langsam schreibe, dass sich Wollmäuse – Gibt es dazu eigentlich auch Tierdokus? Gleich mal gucken! – in der Tastatur bilden, verliert sich das Ziel im Laufe der Zeit.

Betrachte ich dann Wordcount von Kollegen, klappt meine Kinnlade runter. 50.000 Wörter in 2 Wochen; 5.000 Wörter an einem Tag; 500 Wörter in 5 Minuten. Herausgefordert fühle ich mich weniger. Schnellschreiben ist nichts für mich, das kann ich nicht, das will ich nicht … kann ich nur behaupten, wenn ich es schon mal ausprobiert habe.

Daher habe ich an einer solchen Schreibchallenge teilgenommen, um herauszufinden, wozu ich fähig bin. Ich hab bemerkt, wie zügig und konzentriert ich arbeiten kann, wenn ich will. Mit „wollen“ meine ich nicht „schon eigentlich irgendwie will“, sondern „ich will!“.

Es war befreiend, einfach nur zu schreiben, statt zu planen, vorrauszuschauen und alles zu berücksichtigen, was irgendwie berücksichtigt werden könnte. Einfach losrennen, anstatt sich zuerst Funktionsunterwäsche und einen atmungsaktiven Sportanzug anzuziehen, in die auf persönlichen Laufstil angepassten Joggingschuhe zu schlüpfen und sich die Schlüsseltasche umzuschnallen. In einem Arbeitswahn habe ich in drei Wochen so viel geschrieben, wie ich normalerweise in einem Jahr schaffe.

Wenn ihr es noch nie probiert habt, versucht es mal! Es macht Spaß. Und gerade für Schreiberlinge, die mehr den Cursor beim Blinken beobachten, als tippen, oder die sich Ewigkeiten an einer Formulierung aufhalten (sehe ich euch gerade nicken?), kann es von Vorteil sein, die Geschichte erst einmal runterzuschreiben. Schlechte Texte kann man bearbeiten. Weiße Seiten nicht. Und mit etwas Abstand fällt einem vielleicht auch endlich die richtige Formulierung ein.

Das Ergebnis vom Schnellschreiben ist eine Rohfassung, die noch weit von der Endfassung entfernt ist. Denn um das Tempo beibehalten zu können, muss ich Abstriche machen, es sind bestimmte Muster, auf die ich zugreife. Ob ich erst mal alles hinschreibe und später selektiere oder ob stark verkürzt schreibe.

Ich hab die Muster kategorisiert, um sie zu verstehen. Somit kann ich bei der Überarbeitung mein Augenmerk auf die Schwachstellen und die Stärken ausbauen. Ich möchte sie euch hier vorstellen, vielleicht findet ihr euch ja wieder. Und der Vollständigkeit wegen habe ich die Liste noch um Schreibtypen erweitert, die ich bei anderen Autoren gesehen habe.

  1. Das Exposé
    Da ich den Plot im Kopf habe, kann ich zügig die Szenen inhaltlich abarbeiten. Kein Blabla, nur das Wesentliche. Es entsteht eine kompakte Zusammenfassung mit den Schwerpunkten auf den wichtigen Szenen.
    Pro: Ich habe den roten Faden in der Hand und verzettle mich nicht.
    Kontra: Das Lesetempo ist zu schnell, der Leser hetzt durch die Geschichte, weil die Übergänge zwischen den Szenen fehlen, in denen der Protagonist bearbeitet, was passiert ist. Ich musste im Nachhinein überleitende Absätze, sogar ganze Szenen einfügen. Doch noch mehr musste ich mich in die Atmosphäre und in die Figuren hineinfühlen, deren Emotionen erfassen, um den Szenen Leben einzuhauchen.
    Tipp: Show don’t tell.
  1. Das Drehbuch
    Ähnlich wie beim Exposé ist der Inhalt was die Beschreibungen angeht knappgehalten. Der Fokus liegt bei den Figuren und deren Interaktion.
    Pro: Die Dialoge sind ausdrucksstark. Das Tempo ist meist stimmig.
    Kontra: Häufig fehlt das Drumherum, oder es wird mit gängigen/klischeehaften Formulierungen beschrieben. So steht Schulterzucken für Gleichgültigkeit, gehobene Augenbrauen für Unglaubwürdigkeit. Es fehlt das Innenleben und der persönliche Ausdruck der Figur.
    Tipp: Was macht eure Szenerie, eure Figuren besonders? Wie könnt ihr sie beschreiben, sodass sich der Leser in die Szene hineinfühlen und in die Figur hineinversetzen kann – und mehr: sodass sie dem Leser im Gedächtnis bleibt?
  1. Die Enzyklopädie
    Die Geschichte ist dicht gepackt von Informationen über die Welt, Hintergrundgeschichten der Figuren, wichtigen (und unwichtigen) Details. Es verhält sich gegenteilig zum Exposé, bei dem die Handlung im Vordergrund steht.
    Pro: Der Autor hat sich gut vorbereitet, es existiert eine vielschichtige Welt und Figuren mit Hintergrund. Die Details sind im Text festgehalten. Es gibt selten Lücken.
    Kontra: Den Leser interessieren nicht alle Details, vor allem nicht schon zu Anfang.
    Tipp: Löscht die Erklärungen und die ausschweigenden Beschreibungen heraus und lest eure Geschichte noch einmal (oder lasst sie testlesen). Falls dem Testleser dieser Infos fehlen, um die Handlung nachvollziehen und die Atmosphäre spüren zu können, fügt die Sätze wieder ein. Wenn der Testleser nichts bemerkt, ist alles supi wie es ist.
  1. Das Tagebuch
    Das Tagebuch ist eine lebendige Geschichte, die in ungeahnte Richtung führt. Trotz Planung, passiert es, dass man so tief im Schreibfluss steckt und die Szenen und die Figuren selbstständig bestimmen, wohin es gehen soll. Manchmal existieren von derselben Szene mehrere Versionen mit unterschiedlichen Details und Atmosphäre.
    Pro: Herzlichen Glückwunsch. Figuren, die ihr eigenes Ziel bestimmen, sind zum Leben erwacht. Die verschiedenen Ideen sind ausformuliert und man kann im Nahhinein und in Ruhe die Wirkung und die Funktion der Szenen prüfen, welche davon zielführend ist.
    Kontra: Es müssen häufig ganze Szenen gelöscht werden. Im Geschwindigkeitsraum kann es vorkommen, dass man sich arg verfährt.
    Tipp: Haltet euch das Ziel vor Augen. Notfalls mit Tabellen und Szenenlisten.


Dennoch komme ich zu dem Schluss, dass Schnellschreiben persönlich nichts für mich ist. Ich habe zwar eine Menge geschafft und es ist ein schönes Gefühl auf den hohen Wordcount zu gucken, aber die Bearbeitung, bis mir der Text gefällt, ist so intensiv, dass ich gleich hätte langsam schreiben können.

Ich brauche aber meine Zeit. Ich möchte die Atmosphäre spüren; schon vor dem Schreiben wissen, dass es Sinn ergibt, was ich tu. Es macht mir mehr Mühe, an einer fertigen Konstruktion zu korrigieren. Von Grund auf stabil zu bauen, ist die Methode, mit der ich am besten klarkomme.

  • Seid ihr Langsam- oder Schnellschreiber? Habt ihr mal die andere Variante probiert? Wenn nicht, wollt ihr es mal versuchen?
  • Wenn ihr eine Mischung aus beidem seid, wie sieht euer Schreibprozess aus?
  • Wenn ihr eine Rohfassung schreibt, welchem Muster ähnelt sie? Oder habt ihr bei euch noch etwas anderes entdeckt?
  • Wo steckt ihr bei der Überarbeitung am meisten Energie rein?

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