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Pen&Paper-Spiele und die Figurenentwicklung

Ich habe erst spät meinen Weg in die Welt der Rollenspiele gefunden, aber nachdem ich einmal Blut geleckt hatte, haben mich die phantastischen Welten nicht mehr davonkommen lassen. Inzwischen tauche ich in schöner Regelmäßigkeit – wechselweise als Spielleiterin oder frostige Zwergenpriesterin – in die Welt von Splittermond ein und erlebe spannende Abenteuer.

Und manchmal, wenn ich meine Spielergruppe durch eine ganz besonders schwierige Mission gejagt habe, habe ich das Gefühl, dass zwischen den Figuren meiner Mitspieler und meinen eigenen Romanhelden gar kein so großer Unterschied besteht und ich vielleicht sogar etwas von ihnen für die Schreiberei lernen kann.

Der Figurenaufbau – Charakterbögen für Anfänger

Zunächst einmal sind da die Charakterbögen. Auch unter Schriftstellern ist diese Form des Figurenbaus weit verbreitet und es gibt zahllose Vorlagen für Steckbriefe oder ganze Bausätze an Fragen.

Mir haben diese Bögen immer dann weitergeholfen, wenn ich bereits eine Figur vor Augen hatte und dafür sorgen wollte, dass ich nicht versehentlich im Laufe der Geschichte irgendwelche wichtigen Eigenschaften (z.B. die Haarfarbe) ändere, weil ich sie beim Schreiben schlicht vergessen hatte.

Weitaus weniger helfen mir solche Bögen bei der Ausbalancierung meiner Figuren – was sind ihre Stärken, was die Schwächen? Bilden sie ein Gleichgewicht oder schlummert in meiner Protagonistin gar eine klischeehafte Mary Sue? In Rollenspielen musst du dich entscheiden – die flinke, schlanke Tänzerin wird niemals ein Monster im Nahkampf besiegen, während ein robuster Orkkrieger zwar sicherlich gut in der Wildnis zurechtkommt, aber bei einem Dinner in Adelskreisen eher weniger von sich reden macht.

Die Begrenzung auf eine bestimmte Anzahl von Fertigkeiten bzw. die notwendige Auswahl von Schwächen für einen Rollenspiel-Charakter hat mich auch für meine eigenen Figuren sensibilisiert. Und auch wenn ich nicht jede Figur aus meinen Geschichten nach einem Rollenspiel-Baukasten zusammengesetzt habe, ist es doch manchmal ganz hilfreich, sich zu überlegen, wo die Grenzen der eigenen Figur liegen und wie sie diese überwinden können.

Alltag einer Rollenspielfigur – die Figurensprache

Während des Spielens kann man prima eine weitere Fähigkeit eines guten Autoren üben – die passende Figurenrede. Das ist der Punkt, mit dem ich mich gerade zu Beginn einer Spielsitzung (bzw. mit einem neuen Spielcharakter) sehr schwer tu. Ja, meine Figur hat eine wohldurchdachte Lebensgeschichte, auf dem Papier kann ich detailliert ihre Stärken und Schwächen ablesen, aber lebendig wird sie erst durch ihre Taten.

Es macht viel mehr Spaß, wenn der Alb mit dem ungezwungenen Lebensstil auch im Spiel jeder Bardame hinterherpfeift und der exzentrische Grafensohn in jeder (un)möglichen Situation Gedichte rezitiert. Und wenn der Anführer dann tatsächlich eine mitreißende Rede hält, statt nur die Werte auf dem Papier zu nutzen, die seine rhetorischen Fähigkeiten beweisen, dann ist das im Endeffekt genau das, was man im Bezug auf seine Figuren unter „Show, don’t tell“ versteht.

Dramatik pur – Figuren in Notsituationen

Oftmals ist mir auch in Romanen aufgefallen, dass die Hauptfiguren zwar die meiste Zeit über ihren eigenen Schwächen nachhängen, aber dann im entscheidenden Finale plötzlich Fähigkeiten (oder Charakterzüge) offenbaren, die man ihnen die ganzen dreihundert Seiten davor nicht einmal angemerkt hat.

Natürlich sollen die Helden einer Geschichte am Ende über sich hinauswachsen, aber beim Spielen mit meiner Gruppe ist mir noch einmal bewusst geworden, wie wichtig es ist, dass sie nicht nur eine Lösung für das Problem finden, sondern genau die Lösung, die am besten zu ihnen passt.

Ein Beispiel dazu aus meiner Splittermondrunde: Ich spiele derzeit eine recht eigenbrötlerische Zwergin, die mit der feinen Gesellschaft und sozialem Intrigenspiel nicht viel am Hut hat. Vor Kurzem geschah es dann, dass unsere Gruppe in eine riesige Verschwörung stolperte und wir uns schlussendlich mehreren hohen Ratsherren gegenüberstanden, die uns des Verrats beschuldigten. Da unser Diplomat gerade mittendrin war, sich (und die gesamte Gruppe) um Kopf und Kragen zu reden, trat meine Zwergin vor und löste das Dilemma mit ein paar geschickt gesetzten Informationen.

Hat uns das die Spielsitzung gerettet? Vermutlich.

Aber im Nachhinein habe ich mich riesig darüber geärgert. Denn wir hatten zwar unsere Mission erfolgreich abgeschlossen, aber meine Figur hatte sich keinesfalls so verhalten, wie es ihrem Wesen entsprochen hätte … ja, sie wäre nicht einmal in der Lage gewesen, genau das zu sagen, was die Ratsherren zum Einlenken bewogen hätte.

Fazit

Natürlich sind solche Abenteuer, wie es sie in Pen&Paper-Spielen gibt, nicht wirklich mit einem Roman vergleichbar, da sie ganz anderen Mechanismen und Dramaturgien unterliegen, aber in meinen Augen lohnt es sich als Autor dennoch, einmal in eine solche Welt einzutauchen.

Dabei ist es egal, ob es sich um klassische Fantasy-Spiele wie Splittermond oder Dungeons & Dragons, futuristische Welten wie Shadowrun oder etwas völlig anderes handelt. Denn es geht um das Gefühl für die Figuren, ihre Entwicklung, ihr Wesen.

All das kann man wunderbar daran üben … und vielleicht bleibt ihr ja auch in einer dieser Welten hängen und findet ein neues Hobby.