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Vickie auf Fleischbeschau

Da ging ich letztens durch die Straßen; war ganz happy drauf, denn die Sonne schien. Es war eine stinknormale Situation bis auf die Tatsache, dass die Männer im heiratsfähigen Alter mich angrinsten oder freudig mit den Augenbrauen wackelten. Ich guckte an mir herunter. War meine Wasserflasche ausgelaufen, sodass ich einen fett’n Fleck an der Hose hatte? Nein. Nichts dergleichen. Mein Aufzug war ebenfalls nicht anzüglich: Tanktop, Skinny-Jeans, Turnschuhe. Hm.

Da ich manchmal etwas langsam bin, fiel mir erst nach einer Weile auf, dass ich diejenige war, die die Leute zuerst musterte. Mit Argusaugen scannte ich jeden Menschen, der mit entgegen lief, ohne dass ich es selbst bemerkt hatte.

Tut mir leid, ich wollte Sie nicht abchecken! Ich sammle lediglich Material für meinen Roman …, hätte ich mich rechtfertigen können, aber wer würde mir glauben? Tja, das habe ich nun davon, die Ratschläge selbst zu beachten, die ich anderen Autoren (generisches Maskulinum) an den Kopf werfe. Ich sollte mich in Victoria Fettnapf umbenennen.

Der Tipp sollte zu lebendigeren Beschreibungen verhelfen. Diese beginnen nämlich bei der eigenen Wahrnehmung. Der eine achtet stark auf seine Mitmenschen und merkt sich Haar- und Augenfarbe, ein anderer hat den Klang der Stimmen nach einmaligem Hören noch deutlich im Kopf. Manche Leute beobachten eher die Umgebung und ordnen sie zum Beispiel geometrischen Formen zu. Und dann gibt es welche, denen die Nase selbst bei unmerklichen Gerüchen kitzelt.

Beim Lesen eines Romans fällt mir sofort auf, auf welche Dinge der Autor sein Augenmerk richtet. Dinge, denen er besonders viel Beobachtung schenkt, werden in seinem Roman dadurch auch öfter beschrieben. Als Autor kann man dem entgegenwirken, indem man mit offenen Augen durch die Gegend läuft und sich Sachen anguckt, die einen normalerweise nicht interessieren.

Ich achte kaum auf Frisur, Kleidung oder Accessoires, sondern eher auf Körperhaltung, Mimik, Geruch und Stimme. Ich achte kaum auf die Farben der am Straßenrand parkenden Autos, sondern auf das bisschen Moos an den Gemäuern. Und ich achte darauf, mich besser anzustellen, wenn ich das nächste Mal „Material“ für meinen Roman sammle.

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