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Warum Hautfarbe allein nichts aussagt

Ab und an bekomme ich Nachrichten mit der Frage, wie man Hautfarben beschreibt, ohne dass es uncool ist. Wobei nicht allgemein nach Hautfarben gefragt wird, sondern nach dunklen Hautfarben. Wobei dann auch nicht allgemein nach dunklen Hautfarben gefragt wird, sondern nach dunklen Hautfarben von Menschen, die rassistisch markiert werden …

Lasst mich mal nachdenken. Die Hautfarbe von Schwarzen und Braunen Menschen bereitet euch Probleme beim Schreiben, also fragt ihr mich – eine Person, deren Hautfarbe in Deutschland* so ziemlich egal ist? 🤔

* In anderen Ländern ist Colorism ein Faktor.

 

Ich möchte gern etwas von euch wissen:

 

Wieso möchtet ihr die Hautfarbe benennen?

 

Damit die Leser*innen verstehen, dass eine Figur dunkelhäutig ist?

Falls das eure Intention ist, geht ihr davon aus, dass eine dunkle Hautfarbe nicht normal ist und benannt werden muss. Es ist ja auch klar, woher dieser Gedanke kommt. In den Büchern, oder generell in den Medien, ist Weiß vorherrschend. Man lernt es von klein auf, gewöhnt sich daran und trägt diese Konvention weiter, indem man ebenfalls die Figuren weiß schreibt und liest. Hierbei ist es egal, ob man weiß ist oder BI_PoC.

Wenn ihr aus diesen Gründen bewusst gegen das weiße Bild halten wollt, achtet darauf, dass ihr euch nicht das Andersartige, also auf die dunkle Hautfarbe von BI_PoC, versteift und es dadurch hervorhebt – außer es gehört zu Figurenperspektive (aber dazu später). Beschreibt alle Figuren gleichermaßen detailreich, egal welcher Ethnie sie angehören. Wenn ihr nur optische Merkmale erwähnt, die nicht typisch für weiße Menschen sind, verfestigt es den Gedanken noch mehr, dass Weiß die Norm ist.

 

Um Diversität darzustellen?

Zwar gibt es unter den Hautfarben eine große Diversität, aber um ethnische Diversität zu zeigen, genügt die Farbe der Haut nicht. Die Hautfarbe allein gibt keinen Hinweis darauf, welche Wurzeln ein Mensch hat, auch wenn es natürlich Ethnien gibt, deren Angehörige vorrangig braune bzw. hell-beige Haut haben. Darüber hinaus gibt es auch People of Color – vor allem mixed-race*, die hellhäutig oder white passing (als Weiß durchgehen) sind.

* Mixed-race bitte nicht auf Deutsch benutzen; »gemischt«, »Mischling« und »Rasse« sind rassistische Begriffe.

Angélica Dass zeigt mit dem Projekt Humanae (2016), in dem sie etliche tausend Menschen fotografiert und ihnen Farbcodes zugeordnet hat. Mit dem Fazit, dass die Hautfarbe kein Indiz dafür ist, welcher Ethnie ein Mensch angehört.

 

Hautfarben sind schön. Wenn es zu eurem Genre, zu eurem Schreibstil, in die Szene passt, go for it!

Dennoch gibt es viele anderen Möglichkeiten, ethnische Diversität darzustellen. Überlegt mal: Was macht eine weißdeutsche Person aus? Die deutsche Sprache? Der schöne Akzent im Englischen (ßomßing ohlt, ßomßing nju)? Lederhosen? Bier? Weißwurst? Preußische Uniform? Pünktlichkeit? Bei roter Ampel tatsächlich stehen bleiben? Die Liebe zu Autos? Karneval? Socken in Sandalen (oder waren es die Briten)? 😁

Nun schaut euch das Beitragsbild mit den beiden schwarzhaarigen Personen an. Inwiefern unterscheidet sich deren Hautfarbe von denen weißdeutscher Menschen? Was an diesem Bild erzeugt ein chinesisches Flair? Zusatzfrage: Wie viele Chines*innen kennt ihr, die tatsächlich so herumlaufen wie auf dem Bild?

 

Um den Fokus auf die Hautfarbe zu legen?

Hab ich zwei Absätze vorher »Go for it!« gesagt? Dann ist es an der Zeit, meine Aussage wieder einzugrenzen. (Weil ich ja auch nie weiß, was ich wirklich will. *thöhöhö*)

In der Phantastik bietet es sich an, die optischen Merkmale der erdachten Völker ausführlich zu beschreiben, aber seid euch bewusst, dass phantastische Geschichten nie komplett von der Realität abgekoppelt ist und selbst ausgedachte Ethnien oder Fantasiewesen im Kontext zu echten Menschen stehen (Infos hier!).

In romantischen oder erotischen Genres macht es Spaß, die Love Interests samt Sprenkeln in den Iriden und Sommersprossen auf den Backen (welche Backen ich meine, verrate ich nicht) anzuschmachten, und generell ist es schön, wenn sich die Perspektivfigur wohl in ihrer Haut fühlt und es auch so kommuniziert. Aber achtet darauf, dass ihr es nicht übertreibt und die Romanfiguren objektifiziert, exotisiert oder sexualisiert. Ihr kennt doch sicherlich »male gaze«, wenn Frauen aus cis hetero Männersicht beschrieben werden, und zwar auf eine sexualisierende, objektifizierende Weise, damit der cis hetero Mann sein Lesevergnügen kriegt. Das funktioniert nämlich auch super mit der weißen Sicht auf BI_PoC.

Die Gesellschaft ist rassistisch, und somit ist es auch nur logisch, wenn es Romanfiguren (oder Erzähler) gibt, die andere wegen der Hautfarbe abwerten. Es ist eure Geschichte und es bleibt euch überlassen, was ihr schreibt. Aber ich wünsche mir, dass ihr euch bewusst macht, was ihr schreibt und welche Auswirkungen euer Text hat. Wenn ihr in eurem Roman eine rassistische Aussage tätigt, und sie nicht angesprochen oder reflektiert wird, macht ihr als Autor*in ein Statement: »Rassismus existiert in der Gesellschaft. Rassismus existiert in meinem Roman. Ich finde es normal und okay.« Es ist ähnlich, wie wenn man Perspektivfiguren sexuelle Gewalt ausüben lässt, ohne dass das Thema angesprochen oder verarbeitet wird, oder ohne dass es Konsequenzen für die Figuren gibt.

 

Ich will doch gar nicht über »Hautfarben« schreiben?! Sie spielen bei mir keine Rolle. Es ist die Story, die zählt!

Herzlichen Glückwunsch. Du bist so privilegiert, dass »Hautfarben« für dich keine Rolle spielen. Du gehörst zu den Menschen, die behaupten, dass sie keine Hautfarbe sehen. Deine Realität kommt ohne »Hautfarbe« (in Anführungszeichen geschrieben, weil nicht die Farbpigmente gemeint sind, sondern die ethnische Zugehörigkeit) klar, weil du nicht mit Rassismus konfrontiert wirst. Falls dir so etwas mal begegnet, kannst du wegschauen, wann immer du willst. Du hast keine Probleme, Bücher zum Lesen zu finden, weil die Geschichten und die Figuren darin, dich und deine weiße Welt widerspiegeln. Du hast keine Probleme, deine persönlichen Geschichten zu schreiben und zu veröffentlichen (wenn doch, ist es individuelles Pech oder mangelndes Handwerk, nichts Strukturelles).

Vielleicht hast du von klein auf gelernt, dass die Menschen in Büchern normalerweise weiß sind, sodass du es einfach so nachgemacht hast, ohne es zu hinterfragen. Vielleicht fühlt es sich deshalb für dich auch ungewohnt oder unangenehm an, nicht-weiße Menschen einzubringen. Vielleicht ist es ein un(ter)bewusstes Gefühl, vielleicht hast du dich willentlich entschieden, die Romanfiguren weiß zu konzipieren. Wenn du der festen Meinung bist, dass die Geschichte zählt, nicht die Farbtöne der Hautschuppen, möchte ich dich gar nicht vom Gegenteil überzeugen. Sei dir dennoch bewusst, dass du damit Weiß als Norm festigt. Keine Hautfarben zu haben, bedeutet nur weiße »Hautfarben« zu haben.

 

Und wie beschreibt man nun Hautfarben?

Ganz einfach. Indem du die Hautfarbe hinschreibst.

Hautfarben reichen von Brauntönen bis Rosatönen. Von hell bis dunkel. Von blass bis tief und satt. Such dir was ein nettes Wort aus und bilde einen Satz wie »Sie hat braune Haut« oder »xiese Haut hat einen satten schwarzbraunen Ton« oder »er hat hellrosa Haut«.

Rosa klingt ungewohnt? Hm, das liegt es wohl daran, dass man es nicht gewohnt ist, die Hautfarbe von weißen Menschen als das benannt zu bekommen, was sie sind. Trotzdem gefällt es dir nicht? Du bist weder Baby, Prinzessin noch Schwein? Dann beziehe es doch nicht auf dich, sondern schau noch mal das Bild von dem Projekt Humanae an: Die weißen (mittel-, nordeuropäisch aussehenden) Personen sind doch rosa. 🌹

 

Dass man für helle Haut lieber Ausdrücke wie »cremefarben« oder »Elfenbein« wählt, weil es charmanter klingt, liegt an der Gewohnheit. Dabei beschreibt cremefarben die Farbe von Buchseiten und passt noch viel weniger als das realistischere Rosa.

Die Farben Creme, Elfenbein und Rosa.
Die Farben Creme (#fffccf), Elfenbein (#fefff1) und Rosa (#f4bab8).

Ich hoffe, ihr habt euch nicht von mir ärgern lassen, sondern verstanden, dass es mir darum geht, aufzuzeigen, welches Ungleichgewicht bei den Beschreibungen herrscht. Aus dunklen Hautfarben wird ein Mysterium gemacht, während die Hautfarben von Weißen nicht benannt werden brauchen – und falls es geschieht, klingt es kolonial-royal (Alabaster! Porzellan! Elfenbein!) oder seltsam ungewohnt.

Also, hört auf James:

 

Zum Glück sind Hautfarben eh nicht aussagekräftig. Wenn ihr eine ethnische Zugehörigkeit klarstellen wollt, könnt ihr sie auch einfach benennen. Und wenn ihr es geschickter machen wollt, so richtig mit »Show don’t tell«, könnt ihr noch alle menschlichen und zwischenmenschlichen Attribute einbinden.

Wie, das zeige ich euch in:

Und wenn ihr heiß darauf seid, Namen für die einzelnen Hautfarben zu finden, klickt hier:

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