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Wie man Diversität in Romanen umsetzt

Spricht man von Diversität innerhalb Geschichten, geht es um die Vielfalt in der Figurenbesetzung. Da Romane (und andere Medien) die Gesellschaft widerspiegeln, mit ihr in Wechselwirkung stehen und Einfluss auf die Menschen ausüben, möchten viele Autor*innen im Bewusstsein dieser Verantwortung die eigenen Romane auf einer sensiblen Weise divers gestalten.

Diversität umfasst nicht nur Hautfarben. Es geht um Menschen unterschiedlicher sozialer und ethnischer Herkunft, Religionszugehörigkeit, sexueller Orientierung, Geschlecht, Alter, körperlicher und psychischer Merkmale.

Diversität ist kein neuer Trend, den jetzt alle Autor*innen mitmachen müssen, damit sie als Gutmensch durchgehen. Diversität bedeutet, dass man den Fokus von einem einzelnen Typus Mensch nimmt und die, die ansonsten als »die anderen« oder gar »der Rest« behandelt werden, auf gleichwertige Weise miteinbezieht.

Merke: Niemand muss etwas tun.
Man muss nicht alle möglichen marginalisierten Personen im Roman auftauchen lassen. Jede*r darf schreiben, was sie*er will (es sei denn, die Inhalte verstoßen gegen das Gesetz). Wenn es einem angenehmer und natürlicher ist, über Personen zu schreiben, die man kennt, die einem näher sind oder ästhetischer erscheinen, ist es die eigene Freiheit, dies zu tun. Dennoch sollte man sich bewusst sein, was die Fiktionalität des Romans, die den eigenen Ideen und Idealen entstammt, aussagt.

Außerdem: Zwingt man sich dazu, über Sachen/Menschen zu schreiben, die man nicht wirklich will, wirkt es wie bei diesen Firmen, die Frauen oder BI_PoC[1] ins Team holen, um ihr Image aufzuwerten, um zu zeigen, wie aufgeschlossen sie sind, oder um eine größere Zielgruppe anzusprechen (Stichwort »Tokenismus«). Man spürt es, wenn Autor*innen nicht dahinterstehen.

Leider spürt man es auch, wenn Autor*innen über Themen oder Menschen schreiben, mit denen sie kaum oder keine Berührungspunkte haben. Natürlich gibt es Leser*innen, die denselben Erfahrungshorizont wie der*die Autor*in haben und denen es daher auch nicht auffällt, dass etwas unlogisch oder unauthentisch ist.

Vielleicht könnt ihr das Gefühl nachvollziehen: Vielleicht habt ihr schon mal Romane gelesen, in denen hetero cis Frauen/Männer über homosexuelle Beziehungen (inkl. Coming-out) schreiben, ohne sich mit dem Thema auszukennen und es nachfühlen können – es bleibt eine Fantasie. Oder Romane von Fußis, die immer gern mit anpacken und nun etwas Gutes tun wollen, indem sie über das »Leid« eines Rollis schreiben. Oder wenn über die Feuerwehr geschrieben wird, und die einzige Fachkraft mit langen Haaren und Frauennamen, die auftaucht (einmalig), lediglich beim Putzen dargestellt wird.

[BILD: Person mit kurzen braunen Haaren und Person mit langem blonden Zopf putzen ein Feuerwehrfahrzeug. Sie werden Peter und Luise bezeichnet.]

Darstellung von Figuren

Wenn man Diversität in Romanen darstellen möchte; wenn man die Menschheit, und nicht nur einen privilegierten Teil repräsentieren möchte; wenn man anderen Menschen kein unangenehmes Lesegefühl bescheren oder gar verletzten möchte, sollte man die Darstellung der Romanfiguren überprüfen. Dabei ist es egal, ob man Gegenwartsliteratur oder Fantastisches schreibt. Fiktion bleibt ein Spiegel des Denkens als Teil der Gesellschaft.

Stellt euch vor, ihr seht einen Film, in dem asiatisch anmutende Frauen (weiße) Männer bedienen. Oder in dem alle Darstellerinnen – jeglicher Herkunft, aber auf jeden Fall normschön – im knappen Bikini und High Heels herumlaufen. Auch beim Kochen und Fensterputzen. Fragt man den Regisseur nach dem Grund, heißt es, dass es in diesem Land … äh, ziemlich warm ist.

Natürlich kann es sein, dass es tatsächlich der Grund ist und sich der Regisseur nichts Weiteres dabei gedacht hat. Dennoch gibt es einen Zusammenhang zwischen seinem Weltbild und der Darstellung seiner Figuren. Die dunkelhäutigen Romanfiguren haben Knochen in den Haaren und tanzen wild ums Feuer? Die Antagonisten sind geizig und hässlich, haben lange Nasen und ziehen andere über den Tisch? Das muss nicht sein.

Wie man die Figuren beschreibt, so will man sie auch sehen und zeigen. Natürlich kann man sich darauf berufen, dass es die Geschichte oder der Plot braucht. Aber seien wir mal ehrlich: Wir Autor*innen sind es, die die Geschichte bestimmen. Wenn ihr Personen aus marginalisierten Gruppen einbeziehen wollt, macht sie nicht durch die Darstellung und Wortwahl fremd. Das macht euren Roman unauthentisch, zeigt ein Weltbild, hinter dem ihr eventuell gar nicht steht, und schadet den betroffenen Personen.

Wenn ihr marginalisierte Menschen und ihre Lebensweisen in euren Roman einbringt, könnt ihr folgende Punkte berücksichtigen:

        1. Auf logische und authentische Beschreibungen achten
        2. Keine Token, sondern Romanfiguren schreiben
        3. Beim Plotting und Weltenbau die Aussage des Romans prüfen
        4. Richtig Recherche betreiben

1. Authentische Beschreibungen

Egal ob es sich um den auktorialen oder personalen Erzähler handelt, die Erzählstimme ist nicht neutral, sondern beinhaltet die Denkweise. Wenn man marginalisierte Menschen einbeziehen möchte, statt sie von außen zu betrachten und damit fremd zu machen, sollte man sich um eine klare, konkrete und treffende Sprache bemühen. Denn die einzelnen Wörter und Beschreibungen beinhalten feine Bedeutungsunterschiede.

Besonders wenn die Perspektivfigur selbst einer marginalisierten Gruppe angehört, ist es wichtig, stringent in der Sichtweise zu bleiben. Denn genauso, wie es ein Perspektivfehler ist, wenn das personale Ich in die Zukunft schauen kann oder sich im Spiegel bewundert, als würde es sich zum allerersten Mal sehen, ist es unlogisch und nicht authentisch, wenn sich zum Beispiel eine Person of Color selbst exotisiert und sexualisiert.

Fragt euch, was eine Fremd- und was eine Selbstbeschreibung ist.

Beispiel:

Ihr wollt den Leser*innen deutlich machen, dass die Figur ostasiatische Züge hat. »Mandelaugen« fällt euch als Begriff ein.

  1. Die Augenform ist ein Merkmal, woran man schnell denkt, wenn man Menschen aus Fernost beschreibt. Passt diese Sichtweise zur Perspektivfigur? Bewertet sie vom eurozentrischen Standpunkt aus? (Falls die Perspektivfigur ostasiatisch ist, beachtet, dass von Ostasien aus »Fernost« eher die Ostküste der USA wäre. 😉)
  2. Grenzt die Perspektivfigur aus, indem sie die Andersartigkeit herausstellt – egal ob positiv oder negativ? Beschreibt die Perspektivfigur die Lidfalten aller Mitmenschen oder tut es sie nur bei denen, die nicht der Norm entsprechen? Der Begriff »Mandelaugen« wird benutzt, um den Unterschied zwischen »Asiaten« und »Europäer« darzustellen. (Übrigens, es gibt auch Ostasiat*innen, die keine mandelförmige Augen haben, und Europäer*innen mit Mandelaugen.)
  3. Ist die Sichtweise der Perspektivfigur unter Berücksichtigung ihres Charakters und ihrer Kultur stringent? Ist die Perspektivfigur tatsächlich so sehr auf die Augenform fixiert? Ostasiat*innen ist diese vermeintliche Mandelform ziemlich egal. Ihr Augenmerk (haha, Wortwitz) liegt auf dem Monolid oder Schlupflid.
  4. Ist der Begriff »Mandelaugen« überhaupt im Sprachgebrauch dieser Figur?
  5. Als Letztes: Falls es eine fiktive Welt ist: Gibt es überhaupt Mandeln?

Geht es bei der Beschreibung darum, dass die Perspektivfigur ihre Mitmenschen als anders, ungewohnt, fremd, exotisch empfindet, ist es natürlich gerechtfertigt, diese mit der Darstellung auszugrenzen und Klischees zu benutzen.

Es ist okay, wenn die Perspektivfigur ein klischeehaftes Bild von den Nebenfiguren und Statisten hat. Es ist okay, wenn dieses Bild im weiteren Verlauf des Romans auch nicht revidiert wird – weil Nebenfiguren nicht relevant sind oder weil die Perspektivfigur nicht reflektiert. Es ist okay, Klischees zu bedienen.

Klischees bringen erstmal Sicherheit. Die Leser*innen haben ein vertrautes Konstrukt, an dem sie sich festhalten können. Taucht eine vollbusige Blondine auf, weiß man sofort, dass sie die fiese Ex-Freundin ist (oder Baywatch-Nixe[2]). Lange Fingernägel und günstiger Perlenschmuck sprechen für mangelnde Empathie und Intelligenz – besonders bei Rezeptionistinnen. Gibt es eine Großmutter mit klarem Blick und Lachfalten, wird sie unserer Hauptfigur noch ein paar Ratschläge geben, bevor sie dahinscheidet. Wer Sommersprossen hat, ist frech und voller Energie.

In Klischees stecken Vorurteile.

Mit Klischees und der Benutzung von Stereotypen spart man mühsame Beschreibungen. Man braucht keine komplett neue Figur einzuführen und mit Show don’t tell zu beleuchten. Doch während es die einen einfach haben, sind andere von den Auswirkungen solcher Klischees betroffen. Sie müssen mit den Vorurteilen kämpfen, die in den Klischees stecken und durch die Medien gefestigt werden … und damit meine ich nicht nur die kleinen Luises, die die Feuerwehrautos lediglich putzen dürfen.

Es sich einfach zu machen, bringt den eigenen Text ebenfalls nicht weiter.

Der Roman verliert an Authentizität.

2. Unterschied zwischen Romanfigur und Token

Romanfiguren brauchen einen individuellen Charakter[3]. Und den haben sie, wenn sie Stärken und Schwächen, eine Entwicklung und eine Funktion im Plot besitzen. Es spricht nichts dagegen, wenn die Figur auch Charaktereigenschaften besitzt, die man als klischeehaft betiteln kann. Anders ist es jedoch, wenn die Figur wie oben beschrieben nur aus Klischees besteht. (Und nein, der Text wird nicht unnötig länger, wenn man einen Charakter statt eines Stereotyps schreibt. Selbst wenn es sich nur um Statisten handelt, die nur kurz durchs Bild laufen, genügt ein gekonnter erzähltechnischer Handgriff, um ihnen mit wenigen Wörter Tiefe zu verleihen.)

Es ist nicht nur anders, sondern problematisch, wenn sich um marginalisierte Menschen handelt, die als Stereotyp dargestellt werden. Sie fungieren dann nämlich als »Token«.

Definition: »Tokenismus«

Der Begriff „Tokenismus“ (englisch: Zeichen, Symbol, Alibi-, Vorzeige-) beschreibt die Benutzung einzelner marginalisierter Personen als symbolische Repräsentanten ihrer Gruppe. Von Martin Luther King und Malcom X während der Bürgerrechtsbewegung thematisiert, schildert die Soziologin Rosabeth Moss Kanter unter Tokenismus die gleiche Praxis im Umgang mit Frauen als marginalisierte Personen in männerdominierten Unternehmensstrukturen.

Nach außen hin soll es die Weltoffenheit eines Unternehmens zur Schau stellen, jedoch haben die »Token« intern weder Einfluss, noch prägen sie die Unternehmenskultur. Sie haben selten die Möglichkeit, sich zu entwickeln oder aufzusteigen. Als Stellvertreter ihrer Gruppe werden ihre Handlungen nicht als ein Teil ihrer Individualität gesehen, sondern auf die Gruppenzugehörigkeit reduziert. Leistungen oder Fehler werden als »typisch Frau/Ausländer« angesehen. Zudem werden sie nur zugelassen, wenn sie die Ideologie und Meinung der dominanten Gruppe vertreten, wodurch sie für eine scheinbare Repräsentation oder als Sprachrohr benutzt werden können.

Hinsichtlich Unterhaltungsmedien sind Token-Figuren nur Repräsentanten ihrer (marginalisierten) Gruppe, ohne Auswirkung auf den Plot zu haben. Sie werden eingebracht, um die Medienschaffenden selbst oder die Produkte aufzuwerten.

Ohne individuelle Eigenschaften und Handlungen existiert die marginalisierte Figur lediglich, um dem Roman ein diverses Label und der Geschichte eine nette Atmosphäre zu geben – und/oder um die Charakterentwicklung der (privilegierten) Hauptfigur voranzutreiben.

Das ist das, was Rosabeth Moss Kanter als Tokenismus beschreibt: Token werden als Stellvertreter ihrer Gruppe gesehen, ungeachtet der individuellen Eigenschaften; sie haben keinen Einfluss, ihre Funktion ist Schein.

Eine echte Romanfigur ist in die Geschichte eingewebt und kann nicht einfach so entfernt werden, ohne dass der Plot zusammenfällt. Ihre Handlungen ergeben sich aus ihrem Charakter (Stärken, Schwächen, Ängste, Bedürfnisse, Vergangenheit) und aus dem Plot und nicht, weil sie im Stereotyp beinhaltet ist. Ein Token steht nicht für sich allein, sondern hat bloß eine Alibifunktion. Sie ist ein Mittel, um den Plot oder die Charakterentwicklung einer anderen Figur oder den Weltenbau zu gestalten.

Wenn ihr Tokens vermeidet und stattdessen über Menschen schreibt (egal ob sie in einer mehr oder weniger humanoiden Hülle stecken), ist schon mal der erste Schritt getan. Desweiteren könnt ihr noch darauf achten, ob die unbewussten vorurteilshaften Aussagen, die ihr bei der optischen Beschreibung (Punkt 1) vermieden habt, im Plot oder in der Welt enthalten sind.

3. Plotting und Weltenbau

Die Darstellung der Figuren findet sich auch im Plotting wieder. Da Figuren nicht für sich allein agieren, kann auch eine authentisch und sensibel dargestellte und in den Plot eingebettete Romanfigur (demnach kein Token) dennoch eine untergeordnete Rolle einnehmen. Fragt euch, wer die Rolle der Hauptfigur, Nebenfigur und die eines Statisten einnehmen darf. Fragt euch, welche Funktion die marginalisierten Menschen im Plot haben.

Was sagt es für den Roman aus, wenn PoC nur als türkische Gemüsehändler oder indische Taxifahrern im Roman sein dürfen (ich überlege gerade ernsthaft, ob ich mal was von einer Taxifahrerin gelesen habe)? Wenn es nur einen blinden Menschen gibt, damit dieser von der Hauptfigur über die Straße geholfen wird? Wenn der beste Freund nur existiert, damit die Hauptfigur zeigen kann, dass sie nichts gegen Dicke, Schwule, Schwarze usw. hat? Wenn die Rolle der marginalisierten Person ist, die Hauptfigur, die der Norm entspricht, beim Plot zu unterstützen, damit diese ihr Ziel oder die Liebe des Lebens finden kann — und am besten noch danach stirbt? Yes, bury your gays.

Dieselbe Problematik gibt es auch beim Weltenbau, in dem Falle wenn ihr Ethnien oder Völker einbringen wollt, die nicht eurer Norm entsprechen. Überlegt euch, wozu ihr die anderen Kulturen oder Lebensweisen braucht. Wollt ihr ein exotisches Setting anstatt eines (stereo)typischen europäischen Mittelalters (Samuraischwerter waren schon immer cool!)? Die Konflikte von anderen Menschen bringen noch mal eine ganz andere Fallhöhe für den Plot?

Wenn ihr die Lebensweisen von marginalisierten Gruppen braucht, um etwas auszudrücken, was ihr ansonsten nicht anders hinbekommt – lasst es bitte sein. Es ist kulturelle Aneignung, wenn ihr besondere, fremde, coole, dramatische, exotische, wilde, barbarische, skurrile Eigenschaften braucht und euch deshalb eine andere Lebensweise – oder noch schlimmer – nur einzelne Teile daraus nehmt.

Kulturelle Anerkennung vs. kulturelle Aneignung

Kulturelle Anerkennung (cultural appreciation) bedeutet, dass man sich intensiv mit eine Kultur beschäftigt und sie respektvoll behandelt – mit dem Wissen, dass man nicht dazugehört. Es spricht nichts dagegen, Dinge von Angehörigen entsprechender ausgeliehen oder geschenkt zu bekommen.

Um kulturelle Aneignung (cultural appropriation) handelt es sich, wenn man ungeachtet der Umstände und Gefühle der Anhörigen sich einfach Dinge für das eigene Vergnügen nimmt, wozu auch die Aufwertung des einen Images oder Lifestyles gehört, oder um Profit zu machen.

Auch in Genres wie Fantasy oder Sci‑Fi, also überall, wo man sich neue Völker ausdenken kann, handelt es sich um kulturelle Aneignung, wenn man auf respektlose und unsensible Weise an existierende Kulturen anlehnt. Die Autor*innen denken sich nicht von Grund aus ein neues Volk aus, sondern benutzen andere Kulturen – oft auch nur Teile daraus –, um 1) ihren Roman atmosphärisch aufzuwerten, 2) es den Leser*innen einfacher zu machen, indem sie etwas Wiedererkennbares einbringen (siehe Punkt »Klischee«), aber auch um 3) Identifikationsmöglichkeiten zu bieten.

Diversität zeigt ja nicht nur eine realistische Lebenswelt, sondern macht auch Menschen sichtbar, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Es ist aber nur repräsentierend und empowernd, wenn die eigene Lebensweise (auch wenn sie nur eine Anlehnung ist) adäquat dargestellt wird. Es ist irritierend, nichts Halbes nichts Ganzes zu sein und von den Vorherrschenden verkannt und benutzt zu werden. In Disneys Aladdin singen sie von arabischen Nächten, aber der Sultan wohnt im Taj Mahal? Man sollte sich nicht von jedem nur die Rosinen herauszupicken, ungeachtet davon, ob es eine coole Samurairosine oder martialisch-hässlichen Dschingis-Khan-Rosine ist … weil in jedem Mongolen ein bisschen Dschingis Khan steckt.

Ich weiß, mit welcher Mühe und Akkuratesse Autor*innen plotten und Welten bauen – gerade wenn es sich um das europäische Mittelalter handelt. Man sollte sich nicht vor derselben Mühe scheuen, wenn es um Lebensweisen und Kulturen handeln, mit denen man eher nicht so vertraut ist. Darüber hinaus bin ich der Meinung, dass man auch in fiktiven Geschichten nie vergessen darf, welche Machtstrukturen herrschen. Das Konstrukt zur Unterdrückung, Ausbeutung und Marginalisierung von Menschen muss nicht unbedingt auch noch in Unterhaltungsmedien reproduziert werden. Als Thema eines Romans, gerne, aber für mich bitte nicht als unreflektierte unterschwellige Message.

4. Richtig Recherche betreiben

Überprüft das Wissen, das ihr zu den Personengruppe habt, über die ihr schreiben wollt. Seid euch bitte bewusst, dass »Fakten« aus den Medien oder Bildungsinstitutionen (Schule, Uni, …) nicht neutral sind. Überlegt, aus welcher Sicht berichtet und für wen die Informationen geschrieben sind. Meist sind Artikel von weißen Autor*innen für weiße Leser*innen eurozentristisch geschrieben und Fremdbeschreibungen von anderen Lebensweisen.

Wenn eure Perspektivfiguren »die anderen« als fremd empfinden, ist es auch kein Problem solche Quellen zu benutzen und die Erzählstimme danach zu richten. Soll euer Roman in dem Sinne divers sein, dass alle (von euch geschriebenen) Lebensweisen gleichwertig sind, solltet ihr euren Blick von »das sind die anderen/Fremden« auf »das sind wir, und jede*r von uns bringt sich auf die eigene Weise ein« richten und Quellen, die von marginalisierten Menschen verfasst wurden, benutzen oder direkt das Gespräch suchen.

Bitte achtet bei der Recherche darauf, dass ihr nicht wahllos irgendwelche Leute ansprecht, sondern geht sicher, dass sich diese Personen auch mit der jeweiligen Lebensweise identifiziert – und sich bestenfalls in den Diskursen auskennt. Nur weil eine deutsche Person chinesische Eltern, schwarze Haare und dunkle Augen hat, heißt es noch lange nicht, dass sie sich mit chinesischen Traditionen oder gar der chinesischen Geschichte auskennt. Sie ist genauso ahnungslos wie Herkunftsdeutsche.

Zudem sind nicht alle zu jeder Zeit in der Lage oder bereit, über persönliche Erfahrungen zu reden. Berücksichtigt bitte, dass es auch Menschen gibt, die keine Kritik äußern, um sich selbst zu schützen. Sie schlucken lieber Diskriminierungen herunter, anstatt einen Streit zu provozieren, indem sie die Alltagsrassismus, sexistische Sprüche oder andere Mikroaggressionen ansprechen.  Es ist anstregend, ermüdend und sogar retraumatisierend, wenn man auf permanent Unverständnis, Rechfertigungen oder gar Gewalt trifft. Einfacher und sicherer ist es, sich auf Bildungs- oder Informationsveranstaltungen, durch Podcasts, Blogs und YouTube-Channels zu informieren.

Um die obigen Punkte zu überprüfen, habe ich in Anlehnung an den Bechdel-Test und Vito-Russo-Test einen Stereotypentest für BIPoC erstellt, über den ich gemeinsam mit Alex von Alpakawolken auf dem Litcamp Heidelberg 2019 vorgestellt habe. Unsere Notizen als PPT findet ihr hier. (Bei mir werden die Folien in der neuen Ansicht nicht vollständig dargestellt. :/) Ein Blogbeitrag dazu folgt!


[1]Black, indigenous and People of Color. Der Unterstrich zeigt, dass der Begriff auch rassistisch diskriminierte Menschen einbezieht, die sich aber nicht zu diesen drei Kategorien einordnen können oder wollen.
[2] Man mag von Pamela Andersons Aktivismus halten, was man will. Fakt ist, dass sie wegen solcher Vorurteile gegen das Image des blonden Dummchens kämpfen muss(te).
[3] ich spreche nicht von Roman-Charakteren, sondern von Figuren. Der englische literarische Begriff ‘character’ bedeutet Figur. Schreibe ich in meinen Beiträgen »Charakter«, handelt es sich um Charaktereigenschaften oder Persönlichkeiten.

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