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Wie erstelle ich Szenenlisten

Dieser Artikel gehört zum Wortkompass-Schreibkurs 2017.

Eine Szenenliste wird sinnvoll, wenn das Grundgerüst, an dem wir die letzten Wochen gearbeitet haben, festgelegt ist. In dieser Aufgabe sollt ihr für euch sortieren, was ihr zum Schreiben eures Romans braucht. Es gibt keine Musterlösung, da die Genres unterschiedlich sind, da die Stoffe unterschiedlich sind, aber vor allem da ihr unterschiedliche Menschen seid, die auf unterschiedliche Weise an ihren Roman herangehen.

Im Gegensatz zum Plot, bei dem es eindeutig ein Anfang und ein Ende geben muss, bei dem es starke Wendepunkte für eine starke Spannung geben muss, kann ich euch zu der Organisation von Szenen kein Allheilmittel geben, sondern nur Erfahrungen und Empfehlungen.

Ich selbst fertige die Szenenliste nicht vor dem Schreiben an, sondern während ich überarbeite. Ich plotte nämlich nur grob (nur das, was wir in den letzten sieben Aufgaben bearbeitet haben) und schreibe die Szenen frei und lasse mich von der Dynamik überraschen. Die Liste hilft mir, mich nicht in Details zu verzetteln und im Nachhinein zu kontrollieren, ob es überhaupt Sinn ergeben hat, was ich gemacht habe. Meine Notizen für das aktuelle Projekt sehen folgend aus:

Erklärung

Inhalt: Reine Inhaltsangabe wie im Exposé, nur etwas detaillierter
Funktion: Welche Funktion die Szene für die Figurenentwicklung hat (siehe unten)
Motive: Welche Symboliken ich verwendet habe, um sie später wieder aufzugreifen
Notizen: Obwohl ich nur eine Perspektive benutze, muss ich mir sehr bewusst darüber sein, welche Motivation und welche Gedanken die anderen Figuren haben. Das spiegelt sich in deren Handlungen und zwischenzeiligen Aussagen wider. Meine Protagonistin ist dem nicht bewusst, aber der aufmerksame Leser darf es schon spüren. Außerdem stehen in dieser Spalte Gedankenstützen zum Magiesystem – für die Logik.

Als Entwicklungsroman- und Liebesromanautorin ist mir die Mikro-Entwicklung der Figuren sehr wichtig (in der Tabelle nenn ich es bloß Funktion). Meine aktuelle Protagonistin entwickelt sich von einem abhängigen Mädchen zu einer selbstverantwortlichen Frau. Diese Entwicklung sieht im Plot (Aufgabe #3 und #4) wie eine saubere Linie aus, zoomt man in die Szenen hinein, ist es ein zittriges Auf und Ab.

Die Protagonistin lernt dazu, macht Rückschläge, lernt aus den Fehlern und entwickelt sich. Sie fällt immer wieder ein bisschen zurück, dennoch ist es wichtig, dass sie keinen zu großen Schritt rückwärts macht. Figuren, die sich im Kreis drehen und dieselben dummen Fehler wiederholen, sind anstrengend und langweilen nach der Zeit.

Ich notiere mir daher sehr genau die Entwicklungsschritte. Wie geht es meiner Protagonistin? Wie ist ihre Emotion und die Atmosphäre der jeweiligen Szene? Was hat sie gelernt, was glaubt sie gelernt zu haben? Was hat sie durch Zufall erreicht, was durch ihre tatsächliche Stärke? Auf welchem Entwicklungsschritt steht sie, wenn man den gesamten Plot betrachtet?

Andere Autoren arbeiten mit vielen Perspektiven. Hier ist es wichtig, die Funktion der Perspektive niederzuschreiben, um sich dieser bewusst zu machen. Was bringt es dem Plot, vom Protagonisten zum Deuteragonisten zu wechseln? Brauche ich den Perspektivenwechsel für einen Cliffhanger oder ist die Sicht der anderen Figur nötig, um den Plot (oder den Protagonisten besser zu verstehen? Wechselt die Perspektive zu häufig, sodass sich der Leser nicht gut in die Figuren hineinversetzen kann, weil er immer wieder rausgerissen wird?

In einem anderen auf Eis gelegtem Projekt habe ich eine Protagonistin mit stark verzerrtem Selbstbild. Wenn ich ausschließlich aus ihrer Perspektive schreibe, wird der Leser nicht komplett ihren Charakter erfassen können (eine Figur, die sich andauernd als fett bezeichnet, könnte in Wahrheit unter Anorexia nervosa leiden und einen BMI von 15 haben). Ich löse das Problem, indem ich Deuteragonist und Tritagonist eine Perspektive gebe. Ich habe auch eine Nebenfigur, die nur dafür da ist, um die Protagonistin neutral zu beschreiben – denn die beeinflussenden Figuren sind subjektiv. Natürlich hat die Nebenfigur ein geplottetes Seelenleben und einen Subplot. Diese werden aber nicht in diesem Roman eingebracht, weil sie irrelevant sind. Daher muss ich mir überlegen, ob die Perspektive der plotlosen Nebenfigur einen Mehrwert hat oder ob ich die Infos, die der Leser in dieser Perspektive erhält, nicht einer der wichtigeren Figuren unterschieben kann. Das überprüfe ich, indem ich die Funktion der Perspektive betrachte.

Bei einem Projekt habe ich eine Menge wichtige Plots. Hier ist es sehr wichtig für mich, den übergeordneten Spannungsbogen und die Spannung in den einzelnen Szenen zu kontrollieren.

In der grauen Spalte habe ich die Inhaltsangabe. Die anderen Spalten sind die verschiedenen Plots, die ich mir hinsichtlich der Funktion in der Plotstruktur bunt eingefärbt habe. Jeder Plot hat eine Farbe. Findet ein Plotpunkt statt, ist die Zelle bunt. Je gewichtiger die Szene, desto dicker der farbige Streifen. In der ersten Liste habe ich eine eigene Spalte für Notizen und Symbole, in dieser Liste sind diese Infos als rote Stichworte direkt zu den einzelnen Subplots zugeordnet.

Haben in einer Szene mehrere Subplots ihre Wendepunkte ①, kann ich mir überlegen, ob in dieser Szene nicht zu viel auf einmal passiert. Wenn ich es gutheiße und mich dafür entscheide, muss ich beim Schreiben darauf achten, dass auch alle Subplot sorgfältig behandelt werden und keins von dem anderen überdeckt wird. Habe ich in einer Szene keine Plotfunktion ②, muss ich mir überlegen, ob diese Szene irrelevant ist, ob ich das bisschen Infos auch in eine andere Szene verschieben kann, oder ob sie als atmosphärischen Ruhepunkt brauche. Zusätzlich prüfe ich die Spannung, indem ich darauf achte, in welche Phase des Aktions-Reaktions-Prinzips diese Szene steckt ③.

Das Aktions-Reaktions-Prinzip ist ein Mini-Plot für Szenen. Hält man sich daran fest, hat der Protagonist immer eine Phase, in der er ein kleines Zwischenziel verfolgt oder kleine Rückschläge verdaut. Diese Phasen können mal ganz schnell aufeinanderfolgen – meine ersten beiden Szenen enthalten alle sechs Phasen. In den nächsten Szenen drossle ich das Tempo. Da steckt in jeder nur eine der Phasen. Sie müssen auch nicht abgeschlossen sein, bevor die nächste Aktions-Reaktionseinheit eingewoben wird. Hält man dies in einer Liste fest, hat man die Übersicht, ob die Ruhephasen zusammenfallen oder ob die Szenen unter Strom stehen.

Aufgabe:

Erstellt eine Szenenliste für euer Projekt. Ich empfehle:

  • Szenenüberschrift (= Dramaturgische Frage / Thema)
  • Inhaltsangabe
  • Funktion in der Plotstruktur
  • Figuren (wichtige Figuren und ggf. ihre Sichtweise)

Was ihr für euch selbst entscheiden könnt:

  • Perspektivträger
  • Figurenentwicklung
  • Atmosphäre
  • Aktions-Reaktions-Prinzip oder andere Prinzipien wie Plus-Minus o. ä.
  • Notizen (Andeutungen, aufgeworfene Fragen, versteckte Infos, die noch behandelt werden müssen)

Was ihr mit der Szenenliste anfangen sollt, erfahrt ihr in diesem Artikel: Farbige Spaghetti und Tabellen, Tabellen, Tabellen.

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