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Ich schaue in den Spiegel und sehe saphirblaue Augen mit lebhaften, feuerwerkähnlichen Sprenkeln

Violette Augen wie Saphire …

Bevor ihr jetzt die Suchmaschine befragt, … Saphire sind blau. Ich habe mich von der Fantasy-Autorin, die Violette Augen wie Saphir geschrieben hat, verunsichern lassen und tatsächlich nach Bildern gesucht. Sicherlich wollte die Autorin die Augen mit Amethysten vergleichen, doch da der Name dieses Steins sowohl TH als auch Y beinhaltet und ihn deshalb niemand[1] richtig schreiben kann, ist es verständlich, dass sie auf ein einfacheres Wort ausgewichen ist.

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Als Autor von Fantasyromanen mit Charakteren namens Luna oder Silver oder Liebesschnulzen, auf deren Cover sich eine leicht bekleidete Frau an eine muskulöse, nackte Männerbrust schmiegt, muss man die Liste der Edelsteine kennen. Die Figurenbeschreibung beginnt mit einem Adjektiv wie schön, bezaubernd oder attraktiv, danach kommen Details wie Haar- und Augenfarbe. Augen sind nicht einfach blau, grün oder braun, sondern wie [entsprechenden Edelstein einsetzen], sie sind so feurig wie wilde Glut, so klar wie der Himmel eines Wintermorgens, so sanft wie Seide einer Lotusblüte, so blabla wie Spinat mit dem Blubb …

Eine bekannte Schriftstellerin hat in ihren frühen Werken den Vergleich mit Alkohol herangezogen. Die gold-bernsteinfarbenen Augen der Protagonistin gleichen der Farbe von Brandy, Sherry und Whiskey. Beim ersten Mal fand ich es ganz nett. Beim zweiten Vergleich habe ich mich gefragt, ob die Perspektivfigur ein Alkoholproblem hat. Beim dritten und vierten Mal konnte ich nicht umhin, meine tiefgründigen, samtschwarzen Augen zu verdrehen.
Besonders toll[2] ist es, wenn eine Figur nicht eine andere Person anhimmelt, sondern sich selbst in die Augen schauen muss. (Seid mal ehrlich: Mit welchen Worten würdet ihr euch selbst beschreiben?) Dafür braucht man natürlich einen Spiegel bzw. eine spiegelnde Fläche. Diesen Trick benutzen Autoren immer wieder gerne, um in der Ich-Perspektive die Figur zu beschreiben. Dabei geht es nicht nur um das Äußere, auch das elendige Innenleben wird breitgetreten. Denn jeder Autor weiß, dass die Figuren nicht perfekt sein dürfen, damit sie sich entwickeln können. Was bietet sich Besseres an als ein Mädchen mit Minderwertigkeitskomplexen, das über ihre großen Augen sinniert?

Hier machen es berühmte Autorinnen vor:

[…] wage ich einen verstohlenen Blick auf mein Spiegelbild. […] Ein schmales Gesicht. Große, runde Augen und eine lange dünne Nase … ich sehe immer noch aus wie ein kleines Mädchen, dabei bin ich irgendwann in den letzten Monaten sechszehn geworden. […] Ich schaue mir selbst im Spiegel in die Augen.[3]

Frustriert betrachte ich mich im Spiegel.
Verdammte Haare, die einfach nicht so wollen, wie ich will. […] Verzweifelt schaue ich das blasse Mädchen mit den braunen Haaren und den viel zu großen Augen im Spiegel an und gebe mich geschlagen.[4]

Soweit verstanden?

→ Eine hübsche, junge Frau in der Ich-Perspektive wählen und mit Adjektiven und Adverbien ihre Eitelkeit mit Minderwertigkeitskomplexen verschleiern

Ich mache es in einem Beispiel vor:

Resigniert schaue ich in den Spiegel. Die langen dunkeln Wimpern um meine großen Augen ließen meine Porzellan-Haut kränklich blass schimmern. Fluchend ärgere ich mich über den Kirschgeschmack meines Lipglosses, der mich immer und immer wieder über meine roten üppigen Lippen lecken ließ.
Deprimiert streiche ich meine glänzenden Haare hinters Ohr. Wieso sind sie immer noch nicht lang genug, um meine schmale Taille und meine sinnlichen Hüften vor der Männerwelt zu verstecken? Am liebsten würde ich mich in ein dunkles Loch verkriechen. Alle haben einen Freund, nur ich bin Jungfrau.


[1] Außer du bist ordentlicher Computerspieler und hast tausend Stunden Diablo gesuchtet und Amethyst und andere Edelsteine geerntet. Dann kannst du dieses Wort, welches wie „Diablo“ nicht zum Wortschatz des Zertifikats Deutsch gehört, schreiben … oder zumindest lesen.
[2] „Toll“ ist ein plattes Wort, welches zu vermeiden gilt, außer es wird in der Figurenrede oder erlebten Rede mit einem ironischen Unterton benutzt. (Siehe: König der Löwen – Dialog zwischen Klein-Simba und Scar)
[3] Die Bestimmung von Veronica Roth (Goldmann 2013)
[4] Fifty Shades of Grey – Geheimes Verlangen von E L James (Goldmann 2012)

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