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Weshalb dein Roman nicht langweilig ist!

»Dein Roman ist langweilig.«

Wer seinen Roman anderen zu lesen gibt, hat sicherlich schon mal negative Kommentare zurückbekommen. Das tut weh. Natürlich. Es tut immer weh, wenn einem gesagt wird, dass die Geschichte doof ist. Man ist nachdenklich, traurig, wütend, enttäuscht, verletzt, geknickt, frustriert, zweifelt. Das ist okay, denn Rückschläge gehören zum Schreiben dazu.

Dennoch haltet euch vor Augen: „Der Roman langweilt mich“ bedeutet weder, dass der Roman an sich langweilig, noch der Autor langweilig ist. Es bedeutet lediglich, dass sich der Rezipient gelangweilt fühlt. Also Hinfallen, aufstehen, Krone richten und weitergehen.

Zum Weitergehen gehört aber auch, sich das Feedback noch einmal anzuschauen. Schon aus dem Grunde, dass es einen häufig nicht in Ruhe lässt, bis man weiß, ob es zutrifft oder völliger Müll ist. Erst wenn man es verstanden hat, kann man es hinter sich lassen und abschließen.

Die einfachste Methode, um Kritik zu verstehen, ist, den Kritiker zu bitten, seine Meinung zu erklären bzw. begründen (anstatt ihm an den Kopf zu werfen, dass er doch keine Ahnung habe 😉). Wenn ihr ihn nicht fragen wollt/könnt oder wenn er euch keine genauere Begründung geben will/kann, sucht selbst nach der Antwort.

Um Distanz zur Kritik zu schaffen, fragt als Erstes:

Wer findet den Roman langweilig?

  1. die Mehrheit der Testleser
  2. wenige Ausnahmen
  3. ein missgünstiger Autor

Was bedeutet das? Was kann man tun?

  1. den Roman genauer inspizieren
  2. herausfinden, ob es nur Geschmackssache ist (wenn ja, weiter zu c; wenn nein, zurück zu a)
  3. ignorieren und sich nicht runterziehen lassen

Wie kann man den Roman genauer inspizieren?

Wisse, wer ihr seid und was ihr wollt.

Schreibt ihr den Roman, um euch selbst glücklich zu machen? Wenn ihr die Geschichte so liebt, wie sie ist, und mit Inhalt und Stil zufrieden seid, dann steht dazu. Ihr müsst niemandem gefallen oder überzeugen. Die Meinungen der anderen können euch egal sein. (Aber dann bitte auch nicht um die wertvolle Zeit und Arbeit von Testlesern.)

Wollt ihr euch verbessern und seid auf Testlesermeinungen angewiesen? Dann untersucht das „es langweilt mich“. Geht kritisch vor, denn ihr könnt nicht von Testlesern erwarten, dass sie einwandfrei ihre Meinung erläutern, den Kern des Problems erfassen und Verbesserungsvorschläge – passend zu eurem Stil und Genre – liefern können. Das ist die Arbeit von Lektoren, nicht von Testlesern, die es in ihrer Freizeit tun. Auch erfahrene Autoren, die sich viel Wissen angeeignet haben, können mit der Begründung danebenliegen. Es ist nämlich euer Roman und nur ihr kennt ihn zu 100 %, daher ist eure Aufgabe, herauszufinden, wo es hakt.

 

Hier ein paar Ansätze:

Testleser-Deutsch Autoren-Deutsch
Langweilig Der Text/Absatz/Satz enthält zu viele irrelevante Informationen.

Die (Kern-)Aussage wird nicht deutlich.

Es passiert inhaltlich nichts Relevantes.

Der Stil behindert die Aussage des Textes.

Der Fortlauf der Geschichte ist zu offensichtlich.

Der Fortlauf der Geschichte ist zu verworren, und kein Auflösung ist in Sicht.

Verstehe ich nicht. Hier fehlen Informationen, damit der Leser die Zusammenhänge verstehen kann.
Geht das überhaupt? Es wirkt nach einem Logikfehler.
Frage: Ist es ein tatsächlich Logikfehler oder ist dieser Fakt so ungewöhnlich, sodass ihn (auch andere) Leser als Fehler ansehen könnten?
Die Figur ist doof.

 

Der Testleser mag bestimmte Eigenschaften der Figur nicht.
Frage: Soll die Figur sympathisch rüberkommen oder ist sie unsympathisch konzipiert?
Warum [macht sie das]? / Das macht doch niemand! Die Handlungen, Emotionen oder Gedanken der Figur sind ungenügend ausgearbeitet, sodass der Leser sie nicht nachvollziehen kann.
Frage: Wurde die Figur ungenügend geplottet oder wurde die im Text nicht gut dargestellt?

Testlesen und testlesen lassen ist eine Zusammenarbeit, die nicht nur auf Fachwissen basiert, sondern auch auf Vertrauen und Kommunikation. Wie in jeder zwischenmenschlichen Beziehung muss man einen Schritt auf den anderen zugehen. Man kann sowohl hinsichtlich des Manuskripts als auch der Zusammenarbeit fragen: »Was hat dir gefallen bzw. nicht gefallen?«[1]

Habt ihr bereits Testleser gefunden, die mit ihrem wundervollen Feedback den Punkt treffen und motivierend sind, auch wenn sie auf Fehler hinweisen? Die euch nicht nur für den Roman, sondern bei allen Schreibangelegenheiten beiseite stehen? Wissen sie eigentlich, wie sehr ihr deren Arbeit schätzt? Habt ihr hier ein paar Wort an sie?

 

Ein großes Dankeschön an die Testleser. Ihr seid wertvoll.


[1] Je genauere Fragen man stellt, desto genauere Antworten bekommt man zurück. Dennoch kann es den Testleser in eine bestimmte Richtung drängen, wenn man ihm im Voraus auf bestimmte Schwächen im Text hinweist. Vielleicht würde es die angebliche Schwäche gar nicht bemerken, hättet ihr ihn nicht darauf hingewiesen?
Wenn ihr allgemeine Frage stellt, vermeidet »Wie fandest du es?«, da sich der (ungeübte) Testleser mit einem einfachen gut/schlecht begnügen könnte. »Was fandest du gut/schlecht« lässt dem Testleser mehr Raum.

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