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7 Schritte in die Schreibhölle

Um euch völlig zu verunsichern, stelle ich heute die schlimmsten Romananfänge vor. Das sind die absoluten No-Gos, die Haarerauf-Texte, Futter für den Schredder. Wer so etwas schreibt, wird sofort in die Autorenhölle[1] geworfen.

Wollte ihr nun wissen, was die Leser nervt? Hier sind die Top 7[2].

7. Atmosphäre

Da sitzt der Autor vor dem weißen Blatt und weiß nicht, wie er anfangen soll. Um sich einzustimmen, macht er Caféhaus-Musik und eine Duftkerze an. Wenn er sich nicht zum Schreiben in seinen Keller verschanzt hat, sieht er aus dem Fenster, um sich inspirieren zu lassen – Spaziergang geht auch.

Und genauso fangen die ersten Zeilen an. Der Protagonist steht am Fenster und schaut gedankenverloren hinaus. „Die [Adverb] [Adjektiv] Sonne sinkt/steigt [Adverb] am [Adjektiv] Horizont und ihre Strahlen [Verb].“ Wenn es nicht die Sonne ist, dann eben der Mond oder die Wolken, die den Mond verdecken. Besonders literarisch wird’s, wenn es um Straßenlampen, Fabriken, Autos oder Feinstaub geht (Stichwort Großstadtlyrik und Naturalismus).

Wer intertextuell arbeitet, beginnt mit einem Gedicht oder einem Songtext. Das Problem ist nicht nur das Urheberrecht, sondern auch, dass Geschmäcker verschiedenen sind. Gerade bei Musik kann man schnell ein Lied wählen, das der Leser gar nicht leiden kann, und so erzielt man genau die gegenteilige Wirkung.

Daher heißt der nächste (Anti-)Tipp:

6. Fang mit Action an!

Der Leser wird sofort ins Geschehen geworfen, ohne zu wissen, wer die Hauptfigur ist – noch schlimmer: mehrere Figuren ohne sichtlichen Perspektivträger –, wo und wann die Geschichte spielt und worum es eigentlich geht.

Dafür gibt es eine wilde Verfolgungsjagd im Regen, mit peitschenden Ästen und schlammigem Boden und einem gefährlichem Steilhang, unter dem der reißende Strom darauf wartet, den Protag… wen? Kümmert es euch wirklich, wer da reinfällt und ob er überlebt? Besonders enttäuschend wird es für den Leser, wenn sich diese Actionszene als als böser Albtraum entpuppt und keine Relevanz für die Geschichte hat.

5. Action für Labertaschen

Wörtliche Rede ist spannender als der Erzähltext. Klar, da steckt ja auch eine Menge Show don’t tell drin, wenn man es richtig macht. Der Autor hat in einem Ratgeber gelesen, dass er starke Wörter benutzen muss. Und anstatt die langweiligen Informationen des Erzähltextes auf die Figuren abzuwälzen, werden konfliktheraufbeschwörende Schimpftiraden gebrüllt, gespuckt, vor die Füße gerotzt, herausgepresst, krakelt, in einer Oktave höher als üblich gequietscht, gekeucht …

In der einen Variante stecken unendlich unnötige Informationen, die der Autor dem Leser durch die Figur als Sprachrohr mitteilen will, in der anderen stecken leere Floskeln (welche Info hat „Ey, Mann, verdammte Kacke“?), die nichts zur Geschichte beitragen. Beide Varianten widersprechen sich nicht, es gibt durchaus Dialoge, in dem die Figuren mit gewagten Kraftwörtern Infodump kreischen. Langweilig und nervig zugleich.

4. Action für Anfänger – Aufwachen

Egal ob durch einen Wecker, aus einem Albtraum oder mit einer Onomatopöie geweckt – biep, biep, biep –, der Protagonist schreckt hoch, sitzt kerzengerade, verschwitzt und mit pochendem Herzen im Bett und weiß im ersten Moment nicht, wo er sich befindet.

Irgendwoher muss man ja ein bisschen Adrenalin herkriegen, wenn die Geschichte in der Stadt spielt und kein Urwald zur Verfügung steht. Und da es heißt, dass man über das schreiben soll, was man kennt, ist es naheliegend, die Figur ebenfalls aufstehen und den Tag beginnen zu lassen.

Schon so spät! Natürlich hat der Protagonist verschlafen und es deshalb besonders eilig. Die tickende Zeitbombe heißt diese Erzähltechnik. Nur noch fünf Minuten. Hurtig, auf, auf. Es ist nämlich der erste Tag von XYZ und ein wichtiger Plot Turn der Geschichte. Alles oder nichts. Fallhöhe auf Maximum.

Wenn der Protagonist Glück hat, riecht es nach Kaffee und warmen Brötchen, wenn er Pech hat, muss er sich mit dem Spiegelcheck zufriedengeben. Die weiblichen Figuren haben zerwühlte/nicht zu bändigende/schlaffe Haare, große Augen (blau für einen reinen Charakter, braun für die treue Seele, und grüne Augen haben die energievollen Menschen), ein blasses Gesicht; und trotzdem sind sie hübsch. Da es bei den Männern mehr auf die inneren Werte ankommt und Falten toleriert werden, dürfen sie sich von der durchzechten Nacht gerädert und um Jahre gealtert fühlen.

3. Infodump – Figur

Der Autor kennt seine Figuren bis zum Muttermal an der linken Wade und will dem Leser dringend dieses Bild geben. Frage an euch: Stellt ihr euch auch jeden Morgen vor den Spiegel, wahlweise vor ein Schaufenster, den hochpolierten Metallaufzug oder den spiegelglatten See und macht euch bewusst, welche Form eure Nase hat?

Tipp: Bindet das Aussehen in die Handlung mit ein.

Wenn ich aus der Wohnung stürme und beim Türenzuknallen meine hinterherwehenden Haare einklemme, mit quietschenden Sohlen über den Hausflur wetze, während ich in der Umhängetasche nach meinem Rotstift wühle, um mir provisorisch die Haare hochzustecken, dann deutet es nicht auf nur mein Aussehen, meinen Kleidungsstil, sondern auch meinen Charakter hin. Ich brauche kein »Meine langen schwarzen Haare gehen bis zum Sonstwohin und bilden einen starken Kontrast zu meinen schwarzen Augen und zu meinem schwarzen Pulli. Eine Jeans trage ich auch, und Socken.«.

2. Infodump – Welt

Fantasy-, Sci-Fi- oder sonstige Autoren besitzen diesen Drang, dem Leser zu beweisen, wie sorgsam, mühsam und jahrelangsam sie ihre Welt erbaut haben. So handelt die erste Szene vom Alltag des Protagonisten. Keine plotrelevante Handlung, sondern nur ein Lustwandeln über den Marktplatz, um mit Show don’t tell die bunte Menschenmasse zu sehen, Marktschreier und ihre Hühner und Schweine zu hören, die exotischen Gewürze zu riechen und die feilgebotenen Seidenstoffe zu befühlen (Fass meine Ware nicht an, du Schuft!).

1. Infodump overkill – Prolog

Es ist nicht nur die Figur und die Welt, der Autor könnte mit den Chroniken seiner Geschichte ein eine zweiundvierzigbändige Enzyklopädie füllen. Diese Hintergrundgeschichten sind so brillant erdacht, dass sie im Roman vorkommen MÜSSEN! So entstehen Prologe (wobei ich schon mal Prolog 1 und Prolog 2 gesehen hab, bevor es endlich losging).

Aber ich brauch meinen Prolog!

1) Mein Prolog beschreibt die Geburtsszene des Auserwählten, bevor die Mutter verschollen geht, damit der Leser im ersten Kapitel weiß, dass der erbärmliche Protagonist die wichtigste Rolle überhaupt spielt.

2) Mein Prolog zeigt die Seite des Antagonisten, und der Leser muss wissen, dass dieser nicht böse ist, sondern eine ganz spezielle Hintergrundgeschichte und daher eine ganz spezielle Motivation hat.

3) Mein Prolog enthält die Schlüsselfigur oder das Schlüsselelement, was dann erst am Ende auftaucht und den Leser staunen lässt.

4) Mein Prolog beinhaltet tiefsinnige Thesen, Diskurse über Werte- und Moralvorstellungen und kritische Betrachtungen von -ismen, die hochphilosophisch disputiert werden. Vorgetragen als Bewusstseinsstrom. Wer überhaupt redet, wie viele Personen es sind, worum es geht, ist nicht so wichtig. Es geht um die Vermittlung der Prämisse, der Quintessenz des Romans!

Wenn ihr auf schlechte Chechov‘s guns steht, die mit flackerndem Neonpfeilen ausgeleuchtet werden, dann macht es so wie beschrieben. Ein Prolog ist so gut wie nie notwendig. Und wenn er nicht notwendig ist, streicht ihn.

 

Die obigen genannten Punkte kann man zu einem Punkt zusammenfassen: Warmschreiben. Es ist schwer, einen guten Einstieg zu finden, und daher ist es auch nicht schlimm, etliche Anfänge zu schreiben, zu bearbeiten, zu streichen und neuzuschreiben. Der Leser versteht mehr, als man ihm zutraut (seid ihr davon genervt, wenn Autoren euch viel zu offensichtlich Dinge erklärt, damit ihr sie auch wirklich versteht?). Es reicht, die Hintergrundinformationen unterschwellig einfließen zu lassen. Steigt daher so spät wie möglich ein – und das gilt für alles, was ihr schreibt. Die wichtigste Frage ist: Wo fängt meine Geschichte an?

 

Seid ihr mit den Punkten nicht einverstanden? Dann zeigt mir die Ausnahmen, bei denen so ein Anfang funktioniert hat. Erläutert, zu welchen Erzähltechniken der Autor gegriffen hat, um einen mitreißenden Einstieg zu liefern.

Kennt ihr keine Ausnahmen? Dann zieht beliebige Bücher aus dem letzten zehn Jahren – denn ihr seid Autoren des 21. Jahrhunderts – aus dem Regal (oder Leseprobe im Internet). Welche Anfänge reißen euch mit? Weshalb? Und wie werden diese Romananfänge euren eigenen beeinflussen?



[1] Ich verschweige aber, dass die Hölle attraktiver ist als der Himmel. Alkohol, Glücksspiel und heiße Croupiers!
[2] Weil 7 so schön symbolisch ist. Es steckt aber nichts dahinter.

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2 Comments

  1. FANTASYBUCHSCHREIBEN
    FANTASYBUCHSCHREIBEN 6. September 2017

    Gute Liste, fehlt nur noch der Klassiker schlechthin: Aus einem Traum aufwachen. Am besten mehrere Seiten dafür verschwenden irgendein anderes Setting zu beschreiben, das mit der eigentlichen Geschichte nichts zu tun und gerade wenn der Leser ein Gefühl von der Geschichte bekommt, wacht der Protagonist auf und der Leser kann von vorne beginnen sich einen Reim aus der Geschichte zu machen.

    • Victoria Linnea
      Victoria Linnea 7. September 2017

      Oh ja, das stimm! Passt in die Kategorie „Action“, „Aufwachen“ und „sinnloses Gelaber“. Das muss ich gleich aktualisieren.

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