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Noch mal mit Gefühl!

Es ist still am Ufer des Sees. Von den Blattspitzen tropft es klamm. Die Zweige der Bäume sind so nass wie vollgesogene Strohhalme. Kein Vogelgezwitscher, kein Libellengesurre. Ein ernster Moment. Die Welt schweigt.
Dann donnert der Chor los. Eine Fis-1-Faust rammt in meinen Magen, schleudert mich nach hinten und bleibt auf mir liegen wie eine tonnenschwere Bleikugel. Ich habe eine meterhohe Gänsehaut und, dem Moment angemessen kämpfe ich gegen meinen Drang loszulachen. Nicht wundern, das ist schlicht ein Ventil, wenn es mir zu emotional wird. Funktioniert prima, vor allem bei Beerdigungen ist es sehr passend.
Sei ernsthaft. Da ist jemand gestorben. Hier kann ich nicht flüchten, selbst wenn mich mein innerliches Kichern zerreißt. Ich stehe immerhin in der ersten Reihe, weil ich der Kleinste bin. Ja, lacht ruhig. Ich bin ein großer Mann und fühle mich dennoch wie die elfenhafte Konzertbesucherin, die im Achselmief des Moshpit hin- und hergeschubst wird. Im Gegensatz zu einem ausgewachsenen PaiPai bin ich keine 2,30 Meter groß und habe auch keine Stahlseilmuskeln oder eine kopfgroße Schallblase an der Kehle. Quak.
Das bringt es auf den Punkt. Quak. PaiPais sind Amphibien, hochintelligente Frösche auf zwei Beinen.
Die Männer umringen den aufgebahrten Toten und scheinen ihn mit der Kraft ihrer Stimmen zur Pala-Ka katapultieren zu wollen. Mein Kumpel, derjenige, dem ich die Einladung zu diesem Konzert zu verdanken habe, steht ebenfalls dort und quakt.
Hinter mir die anderen Trauergäste, das ganze Dorf ist gekommen. Sie sehen weniger traurig aus, vielmehr sind sie ergriffen. Vielleicht lagert auf ihnen auch die Fis-1-Bleikugelfaust.
Wie ein Panikanfall verschwindet mein innerlicher Lachkrampf. Ich brauch also nur warten und er verschwindet von selbst? Ich höre nochmal in mich hinein. Nein, kein Gekicher weit und breit. Vielmehr spüre ich jetzt gebündelt die schweißtreibende Dampframmenwucht der Stimmen.
Stille. Plötzlich. Einfach so. Totenstille. Ich kann mir vorstellen, wie verstört die Vögel in den Bäumen hocken. Unheimlich, ich traue mich nicht, die kleinste Regung von mir zu geben, nicht einmal auszuatmen. Mein Brustkorb ist aufgebläht, ähnelt den Schallblasen der PaiPai. Ich zwinge mich die Luft aus meinen Lungenflügeln zu pressen. In dem Moment treten zwei Frauen mit Fackeln an die Holzbahre. Feuer im sumpfigsten Sumpf, den ich kenne?
Zosch … wow … Stichflamme. Vor Schreck halte ich wieder die Luft an. Entweder haben sie hier einen super Brandbeschleuniger oder es gibt tatsächlich in diesem Sumpf trockenes Holz. Die nasse Luft erhitzt sich und wird suppig schwül. Mein T-Shirt klebt an meinem Körper.
Der Quakchor und die Fackelträgerinnen reihen sich in die Schar der Zuschauer ein und … wir warten. Der Leichensack steht in Flammen. Ich erkenne die Umrisse einer Gestalt, durch die sich das Lodern frisst und die körperliche Hülle zu Asche werden lässt. Der Mann, der dort brennt war alt. Gute zweihundert Jahre, der Urhochfünfgroßvater meines Kumpels. Friedlich verstorben.
Er starb, so wie eben alles sterben muss, und wird jetzt mit etwas Glück zur großen Pala-Ka hinübersetzen, um mit ihr Hule auszuspucken. Zusammenfassung: Die Toten sind Speichellieferanten einer Imaginität, um das Paradies auszuspucken.
Das Feuer erlischt schnell, bald dampft der Scheiterhaufen. Der Rauch legt sich kratzig in meine Nase. Hinter meinem Rücken wird es unruhig, die PaiPai Ansammlung beginnt sich aufzulösen. Als wäre die Grillparty zu Ende, das letzte Stück Wurst gegessen, und alle gehen satt und dankbar nach Hause.
Ich bin irritiert. Und jetzt? Mein Kumpel fasst mir an die Schultern. PaiPais reden nicht, wenn Fremde anwesend sind. Sie behelfen sich mit Gestik, Mimik und Körperkontakt. Er führt mich zu sich nach Hause. Okay, denke ich mir, es scheint doch noch weiterzugehen?
Eine Handvoll Gäste folgt uns zu einem großen Rundbau, dessen Fußboden eine Handbreit im Wasser liegt. Von den Decken hängen Körbe mit Ess- und Trinkbaren. Ein Leichenschmaus. Ich suche mir etwas aus, was zuvor weniger als zwei Beine hatte. Eine Süßwurzel.
Hier könnte ich zum Veganer werden, nicht weil Süßwurzeln so hochwertig schmecken, sondern weil alles andere mindestens sechs Beine hat und sich unmittelbar beim Lichtanschalten in die dunklen Winkel der Behausung flüchtet.
Im fußnassen Rundbau ist es still. Ich nicke meinem Kumpel zu, der mich mahnend anschaut. Verstanden, keine Mimik, keine Gestik, keine Worte. Ich mampfe schweigend die Wurzel.

Als wir an die Verbrennungsstelle zurückkehren, steht eine Urne am Ufer des Sees und ein kleines Schilfboot schaukelt auf den Wellen.
Die Familie des Urhochfünfgroßvaters reiht sich am Ufer auf. Die jüngste Frau nimmt die Urne und watet mit ihr in den See, direkt zum Boot. Das Wasser reicht ihr bis dorthin, wo bei uns die Hüfte ist. PaiPai haben keine (Froschkörper eben). Langsam gießt sie die Asche in das Boot, das durch die Last tiefer ins Wasser einsinkt.
Nun gleitet die Frau vollends ins Wasser und zieht das Schilfboot hinter sich her. PaiPai sind perfekte Schwimmer. So schnell, wie sie durchs Wasser gleitet, schafft es nicht mal Rouwendaal.
Jetzt kommt der wichtigste Teil der Zeremonie. Das Boot wird in Richtung Pala-Kas Olymp, eine Insel inmitten des Sees, ausgerichtet. Treibt das Boot dort an Land, ist der Tote von Pala-Ka des Spuckens für würdig befunden. Wenn nicht, dann nicht, dann beginnt eine neue Runde als Kaulquappe.
Die junge PaiPai hat das Boot positioniert. In dem Moment, als sie es loslässt, halten alle wieder einmal die Luft an. Meine Hände sind nass und ich beobachte mit den anderen zusammen, wie das Schilfboot im zermürbenden Schneckentempo durch das Wasser gleitet. Mehr nach links! Nach links! Mein Puls ist rast. Große Welle, GROSSE WELLE! Mein Kumpel biegt sich in die Richtung, in die das Boot steuern soll, als könnte er es lenken.
Eine letzte Welle und Urhochfünffachgroßvater treibt an Land. Er darf spucken.
Ich spüre trotz der Mimik- und Gestiklosigkeit meiner Gastfamilie, wie erleichtert sie sind. Mein Kumpel steht wieder gerade und auch ich atme aus. Die junge Frau gleitet aus dem Wasser und lächelt. Dankbare Hände legen sich auf ihre Schultern. Erleichterung breitet sich in ihrem Gesicht aus. Immerhin darf der Verstorbene dank ihrer korrekten Peilung jetzt spuken.


So, was soll dieser lange Text?
1. Ich höre mich gern reden.
2. Soll er euch als Inspiration dienen.
Der beste Freund, ein Angehöriger eures Protagonisten, ist gestorben. Konfrontiert ihn damit. Wie durchlebt er die Beerdigung? Welche Gedanken, Bilder hat er? Wie interagiert er mit den Trauergästen?
Auch wenn ich als Freund des Enkels eine recht distanzierte Perspektive eingenommen habe, möchte ich von euch einen Text, der das Innenleben eures Protagonisten widerspiegelt und gleichzeitig die Besonderheiten der Bestattung zeigt. Hier geht es darum, wie deutlich ihr die Bandbreite an Gefühlen beschreibt. Bringt mich zum Heulen oder ventilmäßigen kichern.

weltatlas.

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