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Kompasskurs III – Die Figur

In dem letzten Kompasskurs haben wir erfahren, wie wichtig die Entwicklung ist. In manchen Geschichten ist die Entwicklung in der Handlung (plot driven) stärker, in anderen die Charakterentwicklung (character driven). Eine actionreiche Handlung reißt den Leser mit, die Hauptfigur die Geschichte individuell.

Die Hauptfigur ist die Verbindung zwischen dem Leser und der Geschichte. Der Leser begleitet die Figur durch die schönsten und dunkelsten Stunden, er kann sie beim Essen, beim Schlafen, beim Küssen oder beim Streiten beobachten. Er darf sogar in ihren Kopf schauen und die intimsten Gedanken erfahren. Eine gute Hauptfigur zieht den Leser in die Geschichte hinein.

Damit sie es tun kann, braucht sie ein konkretes Ziel. Auf dieses Ziel läuft die Geschichte hinaus. Für die Spannung – damit die Figur das Ziel nicht zu schnell erreicht – spicken wir ihren Weg mit Konflikten. Doch dies reicht immer noch nicht. Der Leser will verstehen, weshalb die Figur das Ziel erreichen will, weshalb sie trotz der Konflikte niemals aufgibt. Dieser Grund ist die Motivation.

Vielleicht kennt ihr es aus dem wahren Leben. Es gibt Menschen, die ihr einfach nicht versteht und bei denen ihr euch fragt: „Was zum Teufel geht in dessen Hirn ab?“ Mit solchen Personen kann man sich eher weniger anfreunden. Es fehlt uns das Verständnis. Doch wie ist es, wenn dieser Mensch euch offenbart, er euch seine Vergangenheit, Denkweise und Wünsche erzählt?

Ihr müsst es keineswegs gut finden, dass ein Mensch jemanden krankenhausreif prügelt, weil dieser seinem kleinen Bruder Rauschgift verkauft hat. Doch vielleicht könnt ihr seine Ängste um den Bruder nachvollziehen, vor allem wenn die Mutter abhängig von Tabletten ist.

So ist es auch mit der Romanfigur. Wenn die Figur seltsame Dinge macht – noch schlimmer: wenn sich diese Dinge auch noch widersprechen, hat man keine Lust, ihn bei seiner Geschichte zu begleiten. Nicht falsch verstehen: Der Leser muss die Figur nicht lieben oder anhimmeln, der Leser muss aber ihre Handlungen und ihre Gedanken nachvollziehen können, ihn auf gewisse Weise interessant finden.

»Damit der Leser eure Figur greifen kann,
müsst ihr sie als Erster begreifen.«

Ihr habt der Figur einen Rahmen gegeben: Ziel, Konflikt, Motivation. Was will die Figur, was steht ihr im Weg, weshalb will sie die Hindernisse aus dem Weg zu räumen? Die Figur funktioniert in dem Plot. Doch sie soll nicht nur funktionieren, sie soll leben.

Es reicht aber nicht – wie es in manchen Schreibtipps heißt – den Figuren eine Macke zu geben, um sie individueller zu gestalten. Macken oder besondere Eigenschaften allein ergeben noch keine runde Figur. Der Charakter einer Figur formt sich aus ihrem Wesen an sich und der Erziehung und den Erfahrungen, die sie gemacht hat. Wichtig ist es zu verstehen, woher diese Charaktereigenschaften kommen.

Nora ist eine Frau Ende dreißig. Wenn Nora Party macht, dann bis in die Puppen. Im Winter arbeitet sie nur halbtags. Ihr Haus hat sie so programmiert, dass die Lampen angehen, bevor sie das Grundstück betritt. Wenn sie schläft, dann nur mit Sternchen-Nachtlicht.

Noras Macke ist das Nachtlicht, doch was steckt dahinter?

Die Figur Nora ist unsere Millionärin aus dem letzten Teil, deren Freund in der Dunkelheit abgestochen wurde. Neben dem Schuldgefühl hat sie extreme Angst vor der Finsternis. Lieber spielt sie das Partygirl und geht erst bei Sonnenaufgang nach Hause, als dass sie nach Einbruch der Dunkelheit vor die Tür muss.

»Figurentiefe entsteht erst,
wenn man dem Ziel, dem Konflikt und der Motivation
eine Kausalität gibt.«

Eure Aufgabe als Schriftsteller ist es, diese Zusammenhänge zu erschaffen. Ihr müsst eure Figuren von tief innen bis zur äußeren Schicht kennenlernen. Dieses Kennenlernen ist ein Prozess.

Wo anfangen?

Wenn ihr ein Plotter seid, werdet ihr vielleicht Steckbriefe bevorzugen, in denen ihr die Attribute der Figur festlegen könnt. Achtet dennoch darauf, dass ihr eurer Figur konkrete und individuelle Eigenschaften gebt. Der Leser soll sie wiedererkennen können.

Junge Frau, 22 Jahre, 1,72 m, schlank, dunkelblonde Haare, braune Augen … Auf wie viele junge Frauen trifft die Beschreibung zu?

Besser: Gestresste Bachelor-Studentin im 7. Semester. Schlank durch Gummibärchen und Cashewkerne. Zerzauster Dutt (scheinbare Dauer: 3 Minuten, reale Dauer: 3 Stunden). Braune Augen hinter einer stylischen Hornbrille. Turnbeutel mit der Aufschrift „Aus dem Weg, ich muss tanzen!“.

Okay, okay … es gibt immer noch genug Leute, die so aussehen. Dennoch ist die Figur leichter zu erfassen.

Wenn ihr Pantser seid, könnt ihr euch mit der Figur warmschreiben. Wo würde sie euch zum ersten Mal begegnen? Wie sieht sie aus? Wie wirkt sie mit ihrer Haltung, Sprechweise und den Interaktionen mit ihren Mitmenschen? Wenn ihr sie ansprecht, wie reagiert sie?

Es gibt viele Ideen, wie ihr euren Figuren näherkommen könnt. In den Schreibimpulsen oder bei den Spielereien findet ihr:

In dem Kennlernprozess werdet ihr Überraschungen erleben. Vielleicht ist die Figur doch anders, als ihr sie geplant habt; vielleicht weiht sie euch in ein Geheimnis ein, von dem ihr nie geahnt hättet.

Es ist nicht schlimm, wenn dadurch etwas im Plot angepasst werden muss. Es ist nicht schlimm, wenn ihr der Figur einige Charakterzüge dazugebt, damit sie wieder auf den richtigen Weg des Plots kommt. Manchmal weigert sich die Figur und macht euch das Leben schwer. Aber auch das ist nicht schlimm. Freut euch lieber, dass sie ihren eigenen Kopf hat. Es bedeutet bloß, dass sie lebt.

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