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Sensitivity Reading 101

Als Autor*in ist man bemüht, mehr Diversität in Romane einzubringen, um Repräsentation zu schaffen. Doch wie schreibt man über etwas, was man selbst nicht erlebt hat? Wie vermeidet man Stereotype und Vorteile? Wie befreit man seinen Text von Diskriminierung und Mikroaggressionen, wenn man sie selbst internalisiert hat? Gar nicht mehr schreiben oder sich selbst zu zensieren, wäre eine Möglichkeit. Die andere wäre, Sensitivity Reader zurate zu ziehen, die den Text schädliche oder missverständliche Darstellungen und Ausdruckweisen abklopfen.Vortrag auf der Leipziger Buchmesse 2019

Was ist Sensitivity Reading?

Sensitivity Reading bedeutet wörtlich übersetzt »Gegenlesen bei sensiblen Themen«, und ist im englischen Sprachraum bereits etabliert. Sensitivity Reading gehört wie das Lektorat zum Überarbeitungsprozess. Während das Manuskript bei einem Korrektorat auf Rechtschreib- und Grammatikfehler, bei einem (stilistischen) Lektorat auf Stilblüten, Füllwörter oder Infodump geprüft wird, weisen Sensitivity Reader auf Mikroaggressionen und stereotype oder klischeehafte Darstellungen und Narrative hin.

Was ist ein sensibles Thema?

Sensible Themen sind solche, deren falsche Darstellung negative Auswirkungen auf die Betroffenen haben. Schreibt man über anderen Lebensweisen (Menschen verschiedener Herkunft oder Communitys), ist es nicht ungewöhnlich, dass aus Unkenntnis ein falsches Bild vermittelt wird. Dadurch werden Vorurteile oder Stigmatisierungen reproduziert und verfestigt. Diese sensiblen Themen müssen nicht das Hauptthema eines Romans sein, sondern können auch durch Nebenfiguren, die einer marginalisierten Gruppe angehören, eingebracht werden.

Was sind falsche oder problematische Darstellungen?

Logikfehler gibt es in jedem Bereich. So können in Fantasyromanen schwere Wunden binnen Stunden heilen; Romanfiguren erleben etliche grausame Schlachten, ohne dass es eine Auswirkung auf ihre Psyche hat; eine Scifi-Kuppel auf dem Mond widersetzt sich der Physik; Taj Mahal steht in Arabien; die chinesische Tracht lautet Kimono; psychisch kranke Menschen sind Gruselgestalten. Kann man machen. Manches hat aber Auswirkungen auf die Betroffenen.

Stereotype Darstellungen von marginalisierten Personen sind problematisch. Sie verstärken Vorurteile und Stigmatisierungen. Oft ist es den Menschen, die diese gewohnten Ausdrucksweisen benutzen, gar nicht bewusst, woher sie stammen und was sie damit eigentlich aussagen. Es sind nur kleine Wörter, aber diese kleinen Wörter malen große Bilder. Und dann fährt man nach Afrika (natürlich ist es ein Land) oder nach Asien (natürlich ist es auch ein Land) und wundert sich, wieso man keine Lehmhütten findet.

Tân Bình, Vietnam. Photo by The Vien from Pexels

Für die Betroffenen ist es irritierend, sogar schmerzhaft, wenn man dermaßen verkannt wird. Die Realität wird ignoriert und das klischeehafte Bild wird reproduziert, damit die eigene Geschichte mit Drama oder Witz aufzuwerten. Natürlich machen Betroffene auch Späße über sich selbst. Aber das ist Selbstironie – im Gegensatz zum Spaß einer dominanten Gruppe, die die Macht besitzt, sich über andere lustig zu machen, ohne etwas befürchten zu müssen.

Es wäre eine andere Sache, wenn alle Menschen tatsächlich gleichberechtigt und gleichgestellt wären. Aber struktureller Rassismus existiert, die Diskriminierung von queeren Menschen existiert, die Ausgrenzung und Stigmatisierung von Personen mit Krankheiten oder Behinderungen … Diese Menschen werden an den Rand der Gesellschaft gedrängt, und mit solchen unbedachten Äußerungen oder Darstellungen wird dazu beigetragen, dass diese am Rand bleiben.

Braucht man unbedingt Stereotype? Ein Roman gewinnt, wenn man über Menschen schreibt.
Hinsichtlich Romane finden sich solche Darstellungen häufig bei der äußerlichen Beschreibung und von den Handlungen marginalisierter Figuren wieder. Ein türkischer Gemüsehändler, ein indischer Taxifahrer oder eine vietnamesische Blumenverkäuferin gehören in die gleiche Kategorie wie die karikative Darstellung von dem »Land« Asien oder Afrika. Natürlich gibt es Gemüsehändler mit türkischer Abstammung, ebenso viele Blumenverkäuferinnen, die aus Vietnam gibt. Es gibt auch Chinesen, die nur zwei Schneidezähne haben, Flechtzopf und vietnamesisches Nón lá tragen.

Wenn man solche Bilder benutzt, setzt man als Autor*in ein Statement. Manchen ist das Statement egal, andere – wie zum Beispiel Betroffene – haben mit den gesellschaftlichen Auswirkungen zu kämpfen.

Was sind Mikroaggressionen?

Mikroaggressionen sind nett gemeinte Äußerungen, die aber eine diskriminierende oder vorurteilshafte Aussage besitzen. Während man klischeehafte Darstellungen sehen kann, befinden sich Mikroaggressionen zwischen den Zeilen. Sie sind dazu da, um Menschen ausgrenzen oder fremdmachen, auch wenn sie wohlgemeint sind.

Zu den Mikroaggressionen gehören Fragen wie »Woher kommst du?« (wenn die Herkunft gemeint ist). Natürlich ist auch Neugier enthalten, aber die Neugier gründet sich darauf, eine fremd aussehende Person zuordnen zu können. So verhält es sich auch mit »Für mich existieren keine Hautfarben« (die Identität und Erfahrungen von BI_PoC werden damit negiert, Rassismus wird herabgespielt), »Für eine Frau bist du sehr intelligent« oder »Sie sprechen aber gut deutsch« (auch wenn es ein Lob ist, wird davon ausgegangen, dass eine Frau generell weniger intelligent ist oder dass man mit bestimmter Hautfarbe Deutsch nicht als Erstsprache haben kann).

Wie gehe ich damit um?

Je nach Erfahrung ist es für Außenstehende schwierig, Falschdarstellungen oder Mikroaggressionen zu erkennen und/oder zu verstehen. Wenn die oben genannten Beispiel in einem Dialog passieren, kann man vielleicht an der Mimik unseres Gegenübers sehen, dass Aussagen nicht sonderlich toll waren. Und mit ein bisschen Verständnis wird uns der Grund mitgeteilt. »Es macht mich traurig, wenn dich in die traditionelle Tracht meiner Großeltern trägst, die schmale Augen schminkst und grinsend herumhüpfst« oder  »Du, diese Frage möchte ich nicht beantworten, sie ist mir unangenehm« oder »Wenn du die Hautfarben negierst, negierst du auch meine Erfahrungen«.

Mit Menschen kann man reden. Man kann Rückfragen stellen (aber bitte nicht auf eine Antwort beharren), sich entschuldigen, verstehen wollen, verstehen … In einem Roman, das bereits veröffentlicht ist, erfolgt Kritik in Form von einer Buchbesprechung oder einer Kundenrezension – im schlimmsten Fall einer Klage.

Wenn man als Autor*in den Anspruch hat, professionell zu arbeiten, beauftragt man Fachleute für Lektorat, Korrektor, Buchsatz, Cover und, wenn das Manuskript sensible Themen enthält, Sensitivity Reading.

Wer macht überhaupt Sensitivity Reading?

Sensitivity Reader sind Personen aus marginalisierten Gruppen, haben also selbst die Erfahrungen gemacht, wodurch sie sich in die Perspektive der in den Medien dargestellten Menschen hineinversetzen können. Darüber hinaus sind sie mit den Diskursen um ihr Thema vertraut und bemühen sich, verschiedene Sichtweisen aus ihrer Gruppe zu repräsentieren. Sensitivity Reader haben einen Bezug zur Literatur – ob als Buchblogger*innen, Autor*innen, Journalist*innen oder Lektor*innen.

Wie ist der Ablauf beim Sensitivity Reading?

Wie beim allgemeinen Lektorat kann man bei einem Sensitivity Read eine inhaltliche oder stilistische Überarbeitung vereinbaren. Man hat auch schon vor dem Schreibprozess die Inhalte zum Beispiel anhand eines Exposés besprechen – so wie es Verlage oder Agenturen anbieten. Dann können Narrative, die auf Diskriminierung basieren, aufgedeckt werden.

Was ist kein Sensitivity Reading?

Wenn man eine*n Sensitivity Reader zu Recherchezwecken über ihre*seine Erfahrungen ausfragt, bekommt man natürlich wertvolles Feedback und Informationen, die man nicht im Internet findet (weil man nicht weiß, wonach man suchen soll, oder weil wichtige Quellen auf einer Sprache sind, die man nicht beherrscht). Dennoch kann für den Roman nicht garantiert werden, dass die Informationen sensibel umgesetzt und authentisch eingebettet werden. Ebenso ist es, wenn man nur einen Textausschnitt prüfen lässt. Es kann sein, dass diese Textstellen frei von Mikroaggressionen sind, aber im Plot oder in der fiktiven Romanwelt herabwürdigende Aussagen stecken, die man nicht intendiert hat.

Ein*e Sensitivity Reader verbietet keine Inhalte oder Ausdrucksweisen, sondern klärt auf, weshalb diese diskriminierend oder stigmatisierend sind und vermieden werden sollten. Ein*e Sensitivity Reader schlägt Alternativen vor und sucht mit dem*der Autor*in nach Lösungen, um die Aussagen des Romans auf eine andere Weise zu übermitteln.

Mehr Infos gibt es auf sensitivity-reading.de.

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