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Jahresziele – und wie man sie im Auge behält

Neujahrsvorsätze sind schon ein seltsames Phänomen. Jedes Jahr im Januar strömen die Menschen zu Tausenden ins Sportstudio, füllen ihre Einkaufswagen mit Rohkost und Bio-Produkten oder geben wieder einmal das Rauchen auf. Die meisten Leute halten nicht einmal bis zum Februar durch.

Meine Vorsätze in den letzten beiden Jahren betrafen das Schreiben: Ich wollte meinen Roman beenden, mich jeden Tag an meine Projekte setzen, ein Verlagszuhause finden. Am besten alles auf einmal. Ich bin gnadenlos gescheitert. Und ich bin damit nicht alleine.

In meinem Lieblings-Schreibforum existiert ein besonderer Thread: „Eure Ziele für 201X“. Jedes Jahr im Januar halten wir dort unsere Schreibpläne fest und erhalten einen kleinen grünen Haken für jedes (Teil-)Ziel, das wir erreicht haben. Die Ausbeute in den vergangenen Jahren war recht bescheiden.

Aber woran liegt es, dass so viele von uns ihre Ziele nicht erreichen? Wir können doch schreiben. Wir tun es gerne. Wir lieben unsere Figuren, unsere Handlungen, unsere Geschichten.

Als ich ein bisschen im Thread von 2017 gestöbert habe, wurde mir eines klar: So vielfältig die Projekte und Genres auch waren, die Ziele klangen alle gleich.

Rohfassung beenden.

Exposé ausarbeiten.

Roman veröffentlichen.

Große Ziele ohne messbaren Fortschritt

„Dieses Jahr will ich mein Herzensprojekt beenden/veröffentlichen.“

So in etwa lautete mein Schreibziel für das Jahr 2017.

Die Chancen, das Ziel zu erreichen, standen zu Jahresbeginn gar nicht so schlecht. Ich hatte bereits mehrere vollständige Versionen des Manuskripts als Basis in der Schublade liegen und brauchte im Prinzip nur noch drüberlesen und sortieren – mein Ziel war also durchaus realistisch.

In den ersten Monaten setzte ich mich motiviert ans Werk. Januar und Februar vergingen, ich bastelte an meinem Text, plante neu und veränderte. Anfang März sah ich zum ersten Mal zurück – und hatte überhaupt keinen Schimmer, wie gut ich im Rennen lag. Verunsicherung kam auf.

Hätte ich nicht doch erst einmal die letzten Kapitel umschreiben sollen, ehe ich mich mit der Feinarbeit am Anfang beschäftigte?

Ich wurde langsamer, sprang immer wieder im Manuskript und den verschiedenen Überarbeitungsschritten hin und her. Nach der (eingeplanten) Pause während der Uniprüfungen im Frühjahr wuchs in mir das Gefühl, meinem Ziel seit Jahresbeginn keinen Schritt weiter gekommen zu sein.

Was war passiert?

Die ganze Zeit über hatte ich nur ein einziges großes Ziel vor Augen: das Wort ENDE unter meinem Roman. Solche absoluten Ziele sind gefährlich. Zwölf Monate lang arbeitet man auf einen Höhepunkt hin. Am Ende des Jahres hat man es entweder geschafft oder steht mit leeren Händen da. Was man unterwegs erreicht hat, fällt unter den Tisch.

Oft ist es besser, solche großen Ziele in viele kleine Etappen einzuteilen. Exposé. Rohfassung. Erstkorrektur. So hat man nicht nur stets ein greifbares Ziel vor Augen (und ist entsprechend motiviert), sondern kann auch den Zeitplan viel besser im Blick behalten.  Und nebenbei ist es echt befriedigend, einen kleinen grünen Haken für ein (Teil-)Ziel zu gewinnen.

Rastlos durch Jahr

Es müssen nicht immer konkrete Ziele sein, andere Autoren fahren ganz gut damit, sich ein Zeitfenster freizuschaufeln, um regelmäßig und konzentriert zu schreiben.

Ich empfinde Zeit- und Wortvorgaben als sinnvolle Planungsinstrumente. Wer das Ziel hat, seine Schreibroutine oder seinen Stil im Allgemeinen zu verbessern, oder wer sich einfach mit verschiedensten Richtungen ausprobieren will, für den sind solche Vorgaben Gold wert. Auch eine Rohfassung kann ein erfahrener Schreiber gut an der finalen Wortzahl festmachen und sich dementsprechend Teilziele setzen (Stichwort: NaNoWriMo).

Aber auch hier steckt der Teufel im Detail.

Für 2016 hatte ich geplant, jeden Tag mindestens eine Stunde lang zu schreiben. Das ganze Jahr über. Als Studentin ohne größere Verpflichtungen klang das für mich durchaus machbar. Und mit entsprechendem Eifer setzte ich mich im Januar ans Werk.

Die ersten zwei Wochen liefen phantastisch. An guten Tagen schaffte ich zwei, teilweise sogar drei Stunden. Ich fühlte mich motiviert … bis die ersten Gewitterwolken nahten.

Ich hatte mir zwar brav Puffer für Uniprüfungen und Urlaube eingeplant, aber meine Rechnung ohne die kleinen Gemeinheiten des Lebens gemacht: Erkältungen, privater Zwist … und nicht zuletzt der Skiunfall, wegen dem ich zwar plötzlich sehr viel Freizeit hatte, aber dank diverser Schmerzmittel nicht die Konzentration aufbringen konnte, um mich an mein Projekt zu setzen.

Mitte März, als die Prüfungen an der Uni endlich vorbei waren, war mein Defizit auf 50 Stunden angewachsen. Ein riesiger Brocken. Längst war die anfängliche Euphorie einer gehörigen Frustration gewichen. Wie sollte ich das nur aufholen?

Ich verdrängte meine Statistik und schrieb nur, wenn ich gerade Lust dazu hatte. Manchmal vergingen Wochen, ohne dass ich ein Wort zu Papier gebracht hatte. An anderen Tagen „schummelte“ ich mir die Statistik schön: ich recherchierte für Details, von denen ich wusste, dass sie niemals den Weg in den Roman finden würden. Ich bastelte an einer Szene, die eigentlich schon perfekt war. Ich erfand die Hintergrundgeschichte von Figuren, die kaum einmal namentlich erwähnt wurden. Ergo: Ich tat Dinge, die mir eh leichtfielen, anstatt mich an die Überarbeitungsschritte zu setzen, die mein Roman nötig hätte.

Mein Ergebnis Ende Dezember: Von den geplanten 365 Stunden hatte ich weniger als 100 Stunden geschafft. Der schlechteste Wert der letzten drei Jahre.

Und warum?

Weil ich mir meine Ziele zwar so gesetzt habe, dass sie theoretisch erreichbar gewesen wären, ich aber keinerlei Puffer eingebaut habe. Für einen kurzen Zeitraum – zum Beispiel für den NaNo im November – ist das vielleicht noch machbar, aber innerhalb eines ganzen Jahres kommt immer etwas dazwischen. Garantiert.

Plant euch Pausen ein.

Wir alle lieben unsere Projekte und wollen am liebsten nichts anderes machen. Darüber vergessen wir jedoch, dass Schreiben zwar kreative, aber doch harte und anstrengende Arbeit ist. Und jede Arbeit braucht ihre Pausen, um Energie aufzutanken, die Seele baumeln zu lassen, den Kopf frei zu bekommen.

Manchmal ist es genau dieser Abstand, den wir brauchen, um die zündende Idee für ein Problem zu finden, das uns schon wochenlang beschäftigt.

Checkliste für eine Schreibplanung

  • Wie lautet mein konkretes Ziel?
  • Wie sieht mein Zeitplan aus? Ist der Arbeitsaufwand realistisch?
  • Habe ich konkrete Teilziele oder ein festes Wort- / Zeitziel?
  • Habe ich genügend Meilensteine gesetzt, um mir regelmäßig einen Motivationsbooster holen zu können?
  • Habe ich Pausen eingeplant?
  • Habe ich mir genügend Puffer für unerwartete Ereignisse eingeräumt?

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